, : Anti-Regierungs-Protest

„Wir zeigen eine positive Form des Patriotismus“

"Liebe" war das große Thema des Valentinsprotests des "Komitees zur Verteidigung der Demokratie", den die vier jungen KOD-ler mitorganiesert haben. Foto: Alexander Hertel

"Liebe" war das große Thema des Valentinsprotests des "Komitees zur Verteidigung der Demokratie", den die vier jungen KOD-ler mitorganiesert haben. Foto: Alexander Hertel

Es sind tausendfünfhundert, vielleicht zweitausend junge Polen. Fröhlich rollen sie am Präsidentenpalast vorbei; vorbei an der Demonstration des Komitees zur Verteidigung der Demokratie (KOD). Die jungen Warschauer sind auf einer Inline-Skate-Ausfahrt. Bei der KOD stehen wesentlich weniger Menschen, unter dreißig ist kaum die Hälfte. Die Bewegung hat ein Nachwuchsproblem. Auch deshalb hat heute explizit die „Junge KOD“ zum Valentinsprotest geladen. Es gibt rote Ballons in Herzform, etliche Witze über den eigenen Vegetarismus und viele Sätze darüber, dass die Gesellschaft mehr Liebe brauche. Nach zwei Stunden löst sich die fröhliche Runde auf. Zufrieden packen die jungen KOD-ler ein und suchen ein nahe gelegenes Café auf, um sich zu wärmen. Darunter der 21-jährige Informatikstudent Mateusz Markowski, die achtzehnjährige Abiturientin Weronika Cejner, die 26-jährige Büroangestellte Monika Nowak-Ruchała und Artur Sierawski. Der zweiundzwanzigjährige ist Geschichtslehrer an einer Mittelschule und hat die „Junge KOD“ mitbegründet.


 

Kopernikus Magazin: Warum engagiert ihr euch politisch gegen das, was gerade in Polen passiert?

Artur Sierawski: Weil wir nicht damit eiverstanden sind, was unsere Regierung gerade macht: dass unsere Rechte eingeschränkt werden, unsere Freiheit, dass unsere Verfassung gebrochen wird. Deswegen gehen wir auf die Straße und organisieren Aktionen wie heute. Wir wollen denen zeigen, dass wir dem nicht zustimmen.

 

Zu euch kamen ein paar Dutzend, vielleicht hundert junge Menschen. Bei den Wahlen stimmten aber hunderttausende junger Polen für konservative und rechte Parteien wie PiS, Kukiz’15 oder KORWiN. Warum mobilisieren die so viele junge Polen?

Artur Sierawski: Diese Parteien haben eine sehr radikale Rhetorik genutzt, die bei vielen verfangen hat. Das waren viele Erstwähler, die sich gar nicht mehr daran erinnern, was die PiS in ihrer letzten Amtszeit zwischen 2005 und 2007 gemacht hat. Sie wollten eine politische Veränderung, weil sie genug von dem hatten, was die vorherige Regierung gemacht hat. Die PiS hat diese Veränderungen lautstark versprochen. Aber ich hoffe, das viele junge Polen nun merken, wie gefährlich diese neue Regierung ist und sich uns anschließen.

 

In der Tat hört man von vielen jungen Polen im privaten Gespräch, dass sie nicht einverstanden sind. Aber etwas dagegen tun wollen sie auch nicht. Woher kommt diese politische Apathie?

Weronika Cejner: Die haben einfach keinen Bock auf so etwas. Es ist ja auch viel einfacher, im Internet ein paar unfreundliche Kommentare zu schreiben, als auf die Straße zu gehen. Wobei: das Internet ist natürlich auch eine Form der Öffentlichkeit. Und das ist dann ihre Form des Protests. Das Internet ist ihre Straße.

 

Hier seid ihr nun unter gleich denkenden. Wie ist das, wenn ihr mit Menschen in eurem Alter redet. Was haben die für politische Einstellungen?

Mateusz Markowski: Also ich studiere an der polytechnischen Hochschule Warschau und meine Kommilitonen interessieren sich überhaupt nicht für Politik und das, was gerade in Polen passiert. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, was das KOD ist. Ich versuche ihnen das dann natürlich zu erklären. Und auch, welche Gesetze die Regierung gerade verabschiedet und welchen Einfluss das auf unser Leben hat.

Eindrücke von der KOD-Demonstration am Valentinstag in Warschau. Fotos: Alexander Hertel

 

Ihr habt auf der Demonstration viel über Liebe gesprochen. Politisch gibt es derzeit keine Liebe in Polen. Im Gegenteil: Keiner redet mit dem politischen Gegner, man kann sich nicht ausstehen, selbst durch Familien gehen politische Risse. Woher kommt diese Atmosphäre?

Mateusz Markowski: Die PiS sorgt dafür, dass die Menschen so tief gespalten sind. Sie unterscheidet Polen Bürger in bessere und schlechtere Sorten und redet von Verrätern und ihren Verräter-Genen. Das vertieft die Spaltung der Gesellschaft.

 

Wie ist das in eurem familiären Umfeld. Gibt es diese Spaltung da auch?

Monika Nowak-Ruchała: Bei mir ist das so! In der Tat haben wir in der Familie sehr unterschiedliche Ansichten dazu, was in diesem Land passiert. Meine Mutter hat für die PiS gestimmt und sieht gar keine Gefahr für die Demokratie. Ich betrachte da natürlich etwas andere Aspekte. Deswegen bemühen wir uns, nicht über Politik zu sprechen, wenn wir an einem Tisch sitzen. Wenn das Thema aber doch aufkommt, versuche ich ihr zu erklären, was die Regierung tut; dass sie gegen unsere Verfassung verstößt und diese ihnen vollkommen egal ist. Ich habe ich die Hoffnung, dass meine Mutter dadurch ihre Meinung ändert.

 

Habt ihr alle die Hoffnung, dass viele Leute ihre Meinung noch ändern?

(Alle nicken heftig) Monika Nowak-Ruchała: Auf jeden Fall! Wenn man auf die Wirtschaft guckt, geht es unserem Land schon schlechter. Schon nächstes Jahr wird das neue Kindergeld nicht mehr finanzierbar sein. Dann werden die Polen sich sicher aufregen. Und wenn auch noch die Inflation und die Arbeitslosigkeit steigen, gehen sie ganz sicher auf die Straße.

 

Das wird noch eine Weile dauern. Glaubt ihr, die Situation wird sich in nächster Zeit entspannen oder wird es noch schlimmer?

Weronika Cejner: Leider glaube ich, es muss erst schlimmer werden, bevor die Leute dagegen auf die Straße gehen, ganz besonders die jungen Menschen. Aber man darf da eben nicht pessimistisch sein.

Mateusz Markowski: Auf jeden Fall liegt noch viel schwere Arbeit vor uns, bis es wieder besser wird.

Gute Laune nach der Demo. Weronika Cejner, Mateusz Majkowski und Artur Sierawski (v.l.n.r.) Foto: Alexander Hertel

Gute Laune nach der Demo. Weronika Cejner, Mateusz Majkowski und Artur Sierawski (v.l.n.r.) Foto: Alexander Hertel

Was denkt ihr, welchen Einfluss die politische Lage auf die Außenwirkung Polens in Europa hat?

Mateusz Markowski: Die ganze Situation wird vor allem in Westeuropa sehr kritisch betrachtet. Das hat einen negativen Einfluss auf das Bild von unserer Gesellschaft als Ganzes. Und auch politisch verschlechtert sich unsere Position in Europa. Verbessert haben wir es jedenfalls nicht besonders.

 

Von Polen hört man oft die Argumentation: Ja, wir haben Probleme. Aber es sind unsere Problem, nicht Europas. Weder Brüssel noch Berlin sollten sich da einmischen. Sollten sich die Partner wirklich raushalten, um den Konflikt nicht zu verschärfen?

Mateusz Markowski: Trotz allem sind wir ein Mitglied der Europäischen Union. Deshalb müssen sich andere Ländern natürlich dafür interessieren, was hier passiert. Das hat immerhin auch Einfluss auf sie und die EU als Ganzes. Es ist auf keinen Fall so, dass das nur uns etwas angeht.

 

Artur, du unterrichtest Geschichte. Was denkst du gerade, wenn du den grassierenden Nationalismus in Europa betrachtest?

Artur Sierawski: Es ist sehr beunruhigend, dass dieser Nationalismus wieder so stark erwacht. Das ist eine Kehrtwende in der Geschichte. Es gibt da Parallelen zur Vorkriegszeit. Auch damals gab es immer mehr nationalistische Regierungen in Europa. Wir sollten uns nur mal daran erinnern, dass selbst Adolf Hitler demokratisch an die Macht gelangt ist, auch wenn er nichts für die Demokratie übrig hatte. Soweit ist es heute natürlich nicht. Aber dieser wiedererwachte Nationalismus, der in vielen Ländern um sich greift, ist sehr gefährlich für uns alle.

 

Dabei ist die Vaterlandsliebe in in Polen aber schon immer wesentlich ausgeprägter als in anderen Ländern. Hier bezeichnen sich rechte Schläger als Patrioten, große Teile der Bevölkerung und ihr als KOD aber auch.

Artur Sierawski: Ja gut, aber wir zeigen eine positive Form des Patriotismus. Wir sind keine Nationalisten, die brüllen: „Polen den Polen“. Das möchte ich genau trennen. Wir sind junge freundliche Menschen, die sich für ihr Land einsetzen. Wir sind uns der polnischen Geschichte und Traditionen bewusst, brüllen aber nicht irgendwelche rechten Parolen oder wollen uns von der Außenwelt abschotten. Und das ist toll an diesen jungen Menschen hier.

 

Nochmal zurück zu Europa. Die nationalistischen Bewegungen vernetzten sich zunehmend. Müsste es auch eine internationale Bewegung in Europa geben, die sich gegen diese Entwicklungen einsetzt und für Werte wie Freiheit und Toleranz kämpfen?

Artur Sierawski: Es wäre natürlich großartig, wenn so etwas entstehen könnte. Aber das braucht  Zeit. Die Gesellschaft muss verstehen, was ihr diese Offenheit bringt. Vor allem die jungen Menschen müssen sich bewusst werden, welche Werte ihnen wirklich wichtig sind: „Polen nur für Polen“ zu brüllen und alle anderen zu hassen oder eine bessere Heimat für alle zu schaffen.

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