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"Liebe" war das große Thema des Valentinsprotests des "Komitees zur Verteidigung der Demokratie", den die vier jungen KOD-ler mitorganiesert haben. Foto: Alexander Hertel
, : Anti-Regierungs-Protest

„Wir zeigen eine positive Form des Patriotismus“

Es sind tausendfünfhundert, vielleicht zweitausend junge Polen. Fröhlich rollen sie am Präsidentenpalast vorbei; vorbei an der Demonstration des Komitees zur Verteidigung der Demokratie (KOD). Die jungen Warschauer sind auf einer Inline-Skate-Ausfahrt. Bei der KOD stehen wesentlich weniger Menschen, unter dreißig ist kaum die Hälfte. Die Bewegung hat ein Nachwuchsproblem. Auch deshalb hat heute explizit die „Junge KOD“ zum Valentinsprotest geladen. Es gibt rote Ballons in Herzform, etliche Witze über den eigenen Vegetarismus und viele Sätze darüber, dass die Gesellschaft mehr Liebe brauche. Nach zwei Stunden löst sich die fröhliche Runde auf. Zufrieden packen die jungen KOD-ler ein und suchen ein nahe gelegenes Café auf, um sich zu wärmen. Darunter der 21-jährige Informatikstudent Mateusz Markowski, die achtzehnjährige Abiturientin Weronika Cejner, die 26-jährige Büroangestellte Monika Nowak-Ruchała und Artur Sierawski. Der zweiundzwanzigjährige ist Geschichtslehrer an einer Mittelschule und hat die „Junge KOD“ mitbegründet.


 

Kopernikus Magazin: Warum engagiert ihr euch politisch gegen das, was gerade in Polen passiert?

Artur Sierawski: Weil wir nicht damit eiverstanden sind, was unsere Regierung gerade macht: dass unsere Rechte eingeschränkt werden, unsere Freiheit, dass unsere Verfassung gebrochen wird. Deswegen gehen wir auf die Straße und organisieren Aktionen wie heute. Wir wollen denen zeigen, dass wir dem nicht zustimmen.

 

Zu euch kamen ein paar Dutzend, vielleicht hundert junge Menschen. Bei den Wahlen stimmten aber hunderttausende junger Polen für konservative und rechte Parteien wie PiS, Kukiz’15 oder KORWiN. Warum mobilisieren die so viele junge Polen?

Artur Sierawski: Diese Parteien haben eine sehr radikale Rhetorik genutzt, die bei vielen verfangen hat. Das waren viele Erstwähler, die sich gar nicht mehr daran erinnern, was die PiS in ihrer letzten Amtszeit zwischen 2005 und 2007 gemacht hat. Sie wollten eine politische Veränderung, weil sie genug von dem hatten, was die vorherige Regierung gemacht hat. Die PiS hat diese Veränderungen lautstark versprochen. Aber ich hoffe, das viele junge Polen nun merken, wie gefährlich diese neue Regierung ist und sich uns anschließen.

 

In der Tat hört man von vielen jungen Polen im privaten Gespräch, dass sie nicht einverstanden sind. Aber etwas dagegen tun wollen sie auch nicht. Woher kommt diese politische Apathie?

Weronika Cejner: Die haben einfach keinen Bock auf so etwas. Es ist ja auch viel einfacher, im Internet ein paar unfreundliche Kommentare zu schreiben, als auf die Straße zu gehen. Wobei: das Internet ist natürlich auch eine Form der Öffentlichkeit. Und das ist dann ihre Form des Protests. Das Internet ist ihre Straße.

 

Hier seid ihr nun unter gleich denkenden. Wie ist das, wenn ihr mit Menschen in eurem Alter redet. Was haben die für politische Einstellungen?

Mateusz Markowski: Also ich studiere an der polytechnischen Hochschule Warschau und meine Kommilitonen interessieren sich überhaupt nicht für Politik und das, was gerade in Polen passiert. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, was das KOD ist. Ich versuche ihnen das dann natürlich zu erklären. Und auch, welche Gesetze die Regierung gerade verabschiedet und welchen Einfluss das auf unser Leben hat.

Eindrücke von der KOD-Demonstration am Valentinstag in Warschau. Fotos: Alexander Hertel

 

Ihr habt auf der Demonstration viel über Liebe gesprochen. Politisch gibt es derzeit keine Liebe in Polen. Im Gegenteil: Keiner redet mit dem politischen Gegner, man kann sich nicht ausstehen, selbst durch Familien gehen politische Risse. Woher kommt diese Atmosphäre?

Mateusz Markowski: Die PiS sorgt dafür, dass die Menschen so tief gespalten sind. Sie unterscheidet Polen Bürger in bessere und schlechtere Sorten und redet von Verrätern und ihren Verräter-Genen. Das vertieft die Spaltung der Gesellschaft.

 

Wie ist das in eurem familiären Umfeld. Gibt es diese Spaltung da auch?

Monika Nowak-Ruchała: Bei mir ist das so! In der Tat haben wir in der Familie sehr unterschiedliche Ansichten dazu, was in diesem Land passiert. Meine Mutter hat für die PiS gestimmt und sieht gar keine Gefahr für die Demokratie. Ich betrachte da natürlich etwas andere Aspekte. Deswegen bemühen wir uns, nicht über Politik zu sprechen, wenn wir an einem Tisch sitzen. Wenn das Thema aber doch aufkommt, versuche ich ihr zu erklären, was die Regierung tut; dass sie gegen unsere Verfassung verstößt und diese ihnen vollkommen egal ist. Ich habe ich die Hoffnung, dass meine Mutter dadurch ihre Meinung ändert.

 

Habt ihr alle die Hoffnung, dass viele Leute ihre Meinung noch ändern?

(Alle nicken heftig) Monika Nowak-Ruchała: Auf jeden Fall! Wenn man auf die Wirtschaft guckt, geht es unserem Land schon schlechter. Schon nächstes Jahr wird das neue Kindergeld nicht mehr finanzierbar sein. Dann werden die Polen sich sicher aufregen. Und wenn auch noch die Inflation und die Arbeitslosigkeit steigen, gehen sie ganz sicher auf die Straße.

 

Das wird noch eine Weile dauern. Glaubt ihr, die Situation wird sich in nächster Zeit entspannen oder wird es noch schlimmer?

Weronika Cejner: Leider glaube ich, es muss erst schlimmer werden, bevor die Leute dagegen auf die Straße gehen, ganz besonders die jungen Menschen. Aber man darf da eben nicht pessimistisch sein.

Mateusz Markowski: Auf jeden Fall liegt noch viel schwere Arbeit vor uns, bis es wieder besser wird.

Gute Laune nach der Demo. Weronika Cejner, Mateusz Majkowski und Artur Sierawski (v.l.n.r.) Foto: Alexander Hertel

Gute Laune nach der Demo. Weronika Cejner, Mateusz Majkowski und Artur Sierawski (v.l.n.r.) Foto: Alexander Hertel

Was denkt ihr, welchen Einfluss die politische Lage auf die Außenwirkung Polens in Europa hat?

Mateusz Markowski: Die ganze Situation wird vor allem in Westeuropa sehr kritisch betrachtet. Das hat einen negativen Einfluss auf das Bild von unserer Gesellschaft als Ganzes. Und auch politisch verschlechtert sich unsere Position in Europa. Verbessert haben wir es jedenfalls nicht besonders.

 

Von Polen hört man oft die Argumentation: Ja, wir haben Probleme. Aber es sind unsere Problem, nicht Europas. Weder Brüssel noch Berlin sollten sich da einmischen. Sollten sich die Partner wirklich raushalten, um den Konflikt nicht zu verschärfen?

Mateusz Markowski: Trotz allem sind wir ein Mitglied der Europäischen Union. Deshalb müssen sich andere Ländern natürlich dafür interessieren, was hier passiert. Das hat immerhin auch Einfluss auf sie und die EU als Ganzes. Es ist auf keinen Fall so, dass das nur uns etwas angeht.

 

Artur, du unterrichtest Geschichte. Was denkst du gerade, wenn du den grassierenden Nationalismus in Europa betrachtest?

Artur Sierawski: Es ist sehr beunruhigend, dass dieser Nationalismus wieder so stark erwacht. Das ist eine Kehrtwende in der Geschichte. Es gibt da Parallelen zur Vorkriegszeit. Auch damals gab es immer mehr nationalistische Regierungen in Europa. Wir sollten uns nur mal daran erinnern, dass selbst Adolf Hitler demokratisch an die Macht gelangt ist, auch wenn er nichts für die Demokratie übrig hatte. Soweit ist es heute natürlich nicht. Aber dieser wiedererwachte Nationalismus, der in vielen Ländern um sich greift, ist sehr gefährlich für uns alle.

 

Dabei ist die Vaterlandsliebe in in Polen aber schon immer wesentlich ausgeprägter als in anderen Ländern. Hier bezeichnen sich rechte Schläger als Patrioten, große Teile der Bevölkerung und ihr als KOD aber auch.

Artur Sierawski: Ja gut, aber wir zeigen eine positive Form des Patriotismus. Wir sind keine Nationalisten, die brüllen: „Polen den Polen“. Das möchte ich genau trennen. Wir sind junge freundliche Menschen, die sich für ihr Land einsetzen. Wir sind uns der polnischen Geschichte und Traditionen bewusst, brüllen aber nicht irgendwelche rechten Parolen oder wollen uns von der Außenwelt abschotten. Und das ist toll an diesen jungen Menschen hier.

 

Nochmal zurück zu Europa. Die nationalistischen Bewegungen vernetzten sich zunehmend. Müsste es auch eine internationale Bewegung in Europa geben, die sich gegen diese Entwicklungen einsetzt und für Werte wie Freiheit und Toleranz kämpfen?

Artur Sierawski: Es wäre natürlich großartig, wenn so etwas entstehen könnte. Aber das braucht  Zeit. Die Gesellschaft muss verstehen, was ihr diese Offenheit bringt. Vor allem die jungen Menschen müssen sich bewusst werden, welche Werte ihnen wirklich wichtig sind: „Polen nur für Polen“ zu brüllen und alle anderen zu hassen oder eine bessere Heimat für alle zu schaffen.

Seit einem Jahr kann jeder Este werde. Ganz entspannt von Zuhause aus. Seite aufmachen, Formular ausfüllen, 50 Euro bezahlen. Fertig. Noch bin ich ein wenig skeptisch. © Alexander Hertel
: "e-Residency" im Selbstversuch

Ich werde Este!

Das mit dieser Freiberuflichkeit hat schon seine Vorteile. So kann man sich selbst spannende Themen an spannenden Orten suchen. Und wenn man die Geschichte gut genug verkauft, wird dann Arbeit daraus. Und weil genau das klappt, werde ich jetzt Este! Aber der Reihe nach.

Schon seit längerem setzt das ziemlich coole kleine Land im Nordosten Europas aufs den digitalen Fortschritt. So haben die Esten ein verfassungsmäßig verbrieftes Recht auf Internet, in ganz Tallinn kann man kostenlos im Internet surfen und seit einigen Jahren kann ein Este fast alle Amtsgänge online erledigen.

Mit so einer Karte soll jeder in den Genuss der digitalen Verwaltung Estlands kommen. Quelle: Screenshot

Mit so einer Karte soll jeder in den Genuss der digitalen Verwaltung Estlands kommen. Quelle: Screenshot

So kann man bequem vom Sofa aus wählen, seine Steuererklärung abgeben oder innerhalb eines Tages ein Unternehmen gründen. Damit diese Tekki-Träume dem Land auch wirtschaftlich etwas bringen, kam Estland vergangenes Jahr auf eine großartige Idee: Die „e-Residency“ für jedermann.

Klingt cool, dachte ich mir schon damals und wollte das irgendwann ausprobieren. Nun habe ich das ganze auch als Radioreportage an den zahlenden Mann, respektive Radiosender gebracht und gehe es also endlich an. Heute habe ich deshalb erstmal meine Anmeldeformular abgeschickt. Ganz unspektakülar vom Schreibtisch aus. Aber genau darum geht es ja.

Ein paar persönliche Daten, Ausweis-Scan und ein kurzes Motivationsschreiben. Das reicht am Anfang, um sich um die e-Residency zu bewerben. Quelle: Screenshot

Ein paar persönliche Daten, Ausweis-Scan und ein kurzes Motivationsschreiben. Das reicht am Anfang, um sich um die e-Residency zu bewerben. Quelle: Screenshot

Sobald mich die estnischen Behörden überprüft haben, darf ich mir meine ID-Karte dann abholen, die mich offiziell zum e-Esten macht. Und weil der Gang zur Botschaft in Warschau nicht gerade spannend wäre, gehts dafür ab nach Tallinn. Dort darf ich dann gleich noch heraus finden, was die Esten demnächst für coole Projekte planen. Und ich kläre natürlich wichtige Fragen:

  • Wie einfach ist es wirklich, Este zu werden. Und ist man das mit e-Residency überhaupt?
  • Was habe ich davon? Vor allem, wenn ich gar nicht in Estland lebe?
  • Und was sagt das Finanzamt Jena dazu, wenn ich meine Steuererklärung demnächst in Estland machen will?

Viele Fragen, noch mehr Vorfreude. Aber jetzt heißt es aber erstmal warten. Insgesamt vier Wochen soll der Prozess dauern. Wie es weiter geht, werde ich dann hier dokumentieren. Bis dahin arbeite ich schon mal an meiner Integrationsfähigkeit. In dem Sinne: Peatse jällenägemiseni!

Bei "IMI Radio" Polens erstem Immigrantenradio senden 22 Freiwillige in neun Sprachen. Hier der 39-jährige Tunesier Samir Saadi, der die Sendung "Arabika" moderiert. © Alexander Hertel
: Immigrantenradio in Warschau

„Wir wollen kein Ghetto sein“

„Was kann ich dir anbieten?“ Tiefenentspannt lehnt Mamadou Diouf an einer selbst gezimmerten Theke und gießt einen starken türkischen Kaffee auf. Über 1,80 ist der Mann groß, breitschultrig. Eine Kastenbrille und dünne Dreadlocks umrahmen sein tiefschwarzes Gesicht. Diouf fällt auf in Warschau, seiner Wahlheimat.

Seit 32 Jahren lebt der gebürtige Senegalese in der polnischen Hauptstadt. In den Achtzigern war er ein echter Exot, ist er heute noch für manche Polen. Mamadou Diouf ist Musiker, Journalist, Bildungsreferent, Sozialarbeiter und seit neustem Radiogründer. „IMI Radio“ heißt sein neues Lieblingsprojekt und sendet seit Mai in ganz Warschau. „Wir sind Polens erstes Immigrantenradio“, sagt der 52-jährige sichtlich stolz. „Die Zeit war reif dafür.“

Programm von Migranten für Migranten

Gekommen sei ihm die Idee in Wien. Dort besuchte er auf einer Bildungsreise im vergangene Jahr „Radio Afrika International“, bei dem Migranten ein Programm für Migranten gestalten. „So etwas wollten wir dann hier auch starten“, erinnert sich Diouf. Monatelang verbrachte er daraufhin damit, Geld und Unterstützer für seine Idee zu sammeln. „Am Ende ging alles ganz schnell“, erzählt Diouf. Anfang 2015 war das Projekt finanziert, komplett durch die europäische Union.

Vielbeschäftigtes Multitalent und Veteran unter den Warschauer Migranten. Mamadou Diouf lebt seit 32 Jahren in der polnischen Hauptstadt und hat "IMI Radio" gegründet. © Alexander Hertel

Vielbeschäftigtes Multitalent und Veteran unter den Warschauer Migranten. Mamadou Diouf lebt seit 32 Jahren in der polnischen Hauptstadt und hat „IMI Radio“ gegründet. © Alexander Hertel

Und so fingen Diouf und seine Mitstreiter an, zu bauen:  Am Ende standen einen Tisch mit Mischpult, zwei Bildschirme, drei Mikrofone. Das alles auf knapp vier Quadratmetern schallgedämpfter Kammer. Die Mikros haben selbstgebastelte IMI-Radio-Aufstecker. Hinter dem Moderator prangt das Logo des Senders an der Wand. So ist es auf jedem Foto zusehen.

Durchschnittlich sechs Stunden täglich sendet IMI-Radio moderierte Sendungen in neun verschiedenen Sprachen: Portugiesisch, Russisch, Arabisch, aber auch Polnisch. „Wir wollen kein Ghetto sein“, sagt Diouf. Natürlich richte sich das Programm an Migranten und ihr speziellen Interessen, „aber auch der Durchschnittspole kann so mehr über seine Mitbürger erfahren.“

An dieser Kommunikation zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen fehle es, meint Diouf: „Ich weiß nicht, wie sehr die Stimmen der Migranten in Europa überhaupt gehört werden. In Polen sicherlich sehr schwach. Deshalb finde ich es wichtig, Menschen einzubinden, die die polnische Realität kennen und die in ihren Herkunftsländern. Menschen, die hier leben, funktionieren und polnisch sprechen. Ich glaube, so jemand erklärt das viel besser.“

Ausgehtippt auf Arabisch

22 dieser Welterklärer arbeiten bei IMI-Radio. Alle ehrenamtlich. Einer von Ihnen ist Samir Saadi. Der 39-järige trägt einen dunklen Pullunder über dem dezent gestreiften Hemd, die Haare akkurat gestutzt, ein warmes breites Dauerlächeln im runden Gesicht.

„Herzlich Willkommen zu unserem Programm ‚Arabika’ hier auf IMI Radio aus Warschau“, imitiert Saadi auf Arabisch seine typische Sendungsbegrüßung. Jeden Dienstag widmet sich der Tunesier in „Arabika“ zwei Stunden lang Themen, die ihn und seine arabisch sprechenden Hörer interessieren. „Es ist eine bunte Mischung: Nachrichten, Sport, was passiert in Warschau, wohin kann man gehen. Natürlich auch viel arabische Musik. Ich glaube, das ist etwas Tolles“, strahlt der Moderator.

Immer ein Lächeln im Gesicht und die Bedürfnisse seiner Mitbürger im Kopf. "Arabika"-Moderator Samir Saadi. © Alexander Hertel

Immer ein Lächeln im Gesicht und die Bedürfnisse seiner Mitbürger im Kopf. „Arabika“-Moderator Samir Saadi. © Alexander Hertel

Die Sendung ist für Saadi eine Herzensangelegenheit. Sie soll den Migranten eine Art Heimatgefühl geben in einer Gesellschaft, die mit Ausländern noch nicht viel anzufangen weiß. Polen hat den geringsten Ausländeranteil aller EU-Staaten: 0,27 Prozent. Gerade einmal 100.000 Ausländer leben unter den vierzig Millionen Polen. Die meisten stammen aus der EU und leben in den Großstädten wie Warschau. „Hier sind die Menschen offen, sie kommen mit Ausländern in Kontakt. Es gibt zum Beispiel viele Studenten. Aber in kleineren Orten ist das schwieriger. Da gibt’s Probleme. Ein Schwarzer ist das etwas Seltsames“, sagt Saadi.

Er spricht aus Erfahrung. Hauptberuflich arbeitet er für verschiedene Stiftungen und betreibt Bildungsarbeit. Im Kulturzentrum gehört er zum Team des „Infopunkts für Migranten“ des „Multikulturellen Zentrums“, zu dem IMI Radio gehört. Jeder kann mit seinen Fragen, Nöten und Sorgen zur Sprechstunde kommen. Saadi und die anderen Berater versuchen dann, den Neupolen in allen Lebenslagen zu helfen.

Bürokratie, Grammatik und Klischees

„Die Bürokratie ist natürlich eine riesige Herausforderung, vor allem wegen der schwierigen Sprache“, sagt Saadi und lächelt die grammatischen Ungenauigkeiten seines letzten Satzes weg. Mit seinem weichen franko-arabischen Akzent sortiert er die sieben verschiedenen Deklinationen manchmal erst während des Sprechens, jedoch meist treffsicher. „Am Anfang war das schon hart, aber ich lerne täglich. Und natürlich hilft meine Frau.“ Die ist Polin, seit fünf Jahren leben die beiden gemeinsam in Warschau.

Auch wenn die boomende Hauptstadt sich zusehendes internationalisiert, die Polen tun sich schwer mit Migranten. Jahrhundertelang wanderten die Polen selbst aus, auf der Flucht vor Armut und politischer Instabilität. Nun ist das Land ein aufstrebendes Mitglied der EU und plötzlich sogar Zielland für Einwanderer, meist aus den Nachbarländern: Litauer, Slowaken und vor allem Ukrainer. Aber auch IT-Spezialisten aus Nigeria und Gaststudenten aus Japan kommen nach Polen. Und nun sogar: Flüchtlinge.

Auch abseits des Radios engagiert: Mitarbeiter des Warschauer "Zentrums der vielen Kulturen" dessen Teil "IMI Radio" ist, planen neue Projekte. © Alexander Hertel

Auch abseits des Radios engagiert: Mitarbeiter des Warschauer „Multikulturellen Zentrums“, dessen Teil „IMI Radio“ ist, planen neue Projekte. © Alexander Hertel

Es ist das große Reizthema in Polen. Zwischen 7.000 und 12.000 will das Land aktuell aufnehmen. Vielleicht. Doch die neue nationalistische Regierung und ultrarechte Gruppierungen laufen Sturm gegen die Pläne einer verbindlichen EU-Flüchtlingsquote. Sie prophezeien lautstark die Islamisierung Polens. Was in Deutschland schon mindestens fragwürdig klingt, fällt in einem Land mit 30.000 Muslimen unter die Kategorie Aluhut.

„Aber das ist ein Problem hier, die Menschen haben überhaupt keine Ahnung“, sagt Saadi zwischen Verständnis und Ablehnung changierend. „Und die Medien informieren meiner Meinung nach sehr schlecht über diese Thematik. Die meisten haben nicht einmal Korrespondenten im Nahen Osten.“

Überhitzte Flüchtlingsdebatte

Erst im Spätsommer, auf dem Höhepunkt der Debatte, veröffentlichte die linksliberale Tageszeitung „Wyborcza“ eine Serie mit Basisinformationen zu Migration und Flüchtlingen in Europa: Statistiken, gesetzliche Grundlagen, Einschätzungen. Für viele Polen war es das erste Aufeinandertreffen mit Fakten in der überhitzten Debatte.

Wie die neue Regierung sich verhalten wird, wenn es um die Verteilung der Flüchtlinge geht, weiß derzeit keiner so genau. Aber Saadi ist sich wie viele Beobachter sicher, eine fundamentale Ablehnung von Flüchtlingen wird Polen nicht durchsetzen können: „Polen hat gar keine Wahl. Ob Sie wollen oder nicht, die Menschen werden kommen. Ungarn versucht sich gerade abzuschotten, aber die Menschen sind da. Das ist Fakt! Wir sollten lieber darauf vorbereitet sein.“

Wie, das wollen Samir Saadi, Mamadou Diouf und ihre Mitstreiter nicht alleine dem Staat überlassen. Zusammen mit anderen NGO’s basteln sie bereits Pläne für Integrationsprojekte für Flüchtlinge: Beratung, Sprachkurse, Integrationsarbeit. Das Radio soll dazu seinen Beitrag leisten.

Daher wollen sie das Programm auch erweitern, erklärt Mamadou Diouf: „Ab kommendem Jahr wollen wir noch mehr Sendungen produzieren. Ein paar neue Sprachen sollen dann auch dazu kommen, damit sich alle Migranten in Polen in unserem Programm wiederfinden“. Ein deutsches steht ganz oben auf der Liste.

: Parlamentswahl in Polen

Herrschaft des Pubertiers

Will man die PiS verstehen, muss man sich ihren Vorsitzenden Jarosław Kaczyński anschauen. Der 66jährige ehemalige Premier ist nationalistisch, fremdenfeindlich bis offen rassistisch und schwer homophob. Er hasst Russen, Kommunisten und alle, die politisch vage nach links tendieren. Gegen Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen hegt er – euphemistisch gesprochen – eine innige Abneigung. Mit seinen Verschwörungstheorien passt er eher auf eine montägliche Mahnwache als in irgendein Parlament.

Diesen Mann, zumindest die von ihm geprägte Partei hat also mehr als jeder dritte Pole gewählt. Ein Teil aus echter Überzeugung, viele aber auch aus purem Trotz. Er ist ein altes Motiv polnischen Selbstverständnisses. Er speist sich aus einer langen Geschichte von Aggressionen von außen, Unterdrückung und Fremdbestimmung, aus der Erfahrung eines höllischen Weltkrieges und kommunistischer Herrschaft. Der Trotz hat seine Gründe und ist mitunter sympathisch und beneidenswert.

Aber die Polen konnten den Trotz nie ganz ablegen. Nicht, als sie schon in der NATO waren, auch nicht, als sie in die EU aufgenommen wurden, ebenso wenig nach einem fast märchenhaften Wirtschaftsaufschwung, der mittlerweile mehr als ein Jahrzehnt andauert. Der Trotz blieb. Er war gemütlich. Man lamentiert und fordert viel und hinterfragt sich selber wenig. Genau das haben die Polen während des Wahlkampfes monatelang gemacht. Getrotzt. Gegen die da oben (in der Regierung), die da drüben (in Berlin und Brüssel) und die da unten (auf dem Balkan und den Nussschalen im Mittelmeer).

Die stolzen Polen wollten damit auf ihr Selbstbestimmungsrecht pochen. Geschafft haben Sie das Gegenteil: Sie wirken wie der pubertierende Teenager, der sich über Muttis Alleinherrschaft (Kopacz) aufregt und dann zur wildfremden Nachbarin (Szydło) flüchtet. Sie wirken wie das trotzige Kind, das jahrelang Papas (Europas) Taschengeld einsteckt und ausrastet, wenn es dann mal bei der Hausarbeit (Flüchtlingsverteilung) helfen soll. Doch Polen ist 26. Solche spätpubertären Phasen kann und wird keiner mehr Ernst nehmen. Es wäre Zeit, erwachsen zu werden.

 

 
Update vom 26.Oktober: Heute habe ich die Wahl für detektor.fm noch einmal kommentiert. Etwas weniger polarisierend, aber immer noch überzeugt von der Gefahr des Ergebnisses für die Außenwirkung Polens.

Traditionell gekleidete Polinnen vor einem Regenbogen. Das Motiv des Streetartkünstlers Dariusz Paczkowski aus dem südpolnischen Żywiec wurde mehrfach zerstört, er selbst körperlich angegriffen. Das Motiv ist auch das Cover des Amnesty-International-Berichts. © Dariusz Paczkowski
: Studie | mehr Hassverbrechen

Vogelfrei in Polen

Irgendwann am Morgen des 05. Januar 2014. Der zwanzigjährige Student Paweł* macht sich auf den Heimweg aus einem Schwulenclub im Stadtzentrum von Stettin. Nahe des Clubs trifft Paweł auf drei junge Männer. Es  kommt zu  einem Wortgefecht, das eine Überwachungskamera aufzeichnet. Die Männer zerren Paweł auf eine nahe gelegene Baustelle, verprügeln ihn. Einer zieht dem Studenten die Hose herunter und vergewaltigt ihn. Danach tauchen die Männer Pawełs Gesicht in eine Wasserpfütze. Immer wieder. Bis er tot ist. Sie stehlen seine Schuhe, sein Telefon und seine Geldbörse und verschwinden.

Pawełs Tod ist eines von fünfzehn Hassverbrechen (Hate-Crime) in Polen, die Amnesty International für ihre neue Studie „Targeted by hate, forgotten by law“ untersucht hat. Ihr Resümee: Derlei Verbrechen werden nur unzureichend verfolgt. Die Gesetze böten eklatante Lücken, wenn es um die Bestrafung von Verbrechen gegen Minderheiten ginge. Auch die Europäische Union unternehme nicht genug.

 

Rassismus wird bestraft, Homophobie nicht

„Laut Paragraph 119 des polnischen Strafgesetzbuchs stehen Hassverbrechen unter besonderer Strafe. Jedoch nur, wenn sie die Opfer aufgrund ihrer Nationalität, Ethnie oder Religion angegriffen würden“, sagt Draginja Nadaždin, Direktorin von Amnesty International Polen. Diese bildeten auch die überwiegende Mehrzahl der Hassverbrechen. Übergriffe gegen andere Minderheiten werden jedoch nicht gesondert aufgeführt.

„Hier gibt es eine große Gesetzeslücke”, meint Nadaždin. Im Fall von Paweł etwa, wurde nur einer der drei Täter wegen Mordes angeklagt, die anderen beiden wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge und Raub. Obwohl der Haupttäter einem Bekannten nach der Tat per Facebook schrieb, die „Schwuchtel” sei nun tot, erkannte das Gericht in der Urteilsbegründung keinen homophoben Hintergrund. Der Haupttäter wurde zu 15 Jahren Haft verurteil, der Mindeststrafe. Die Mittäter zu zwei Jahren und zweieinhalb Jahren.

 

Diverse Opfergruppen nicht unter Schutz

„Das ist kein Einzelfall“, weiß Draginja Nadaždin zu berichten. Verbrechen aufgrund sexueller Identität werden in Polen selten als solche verfolgt. „Wir haben keine genauen Zahlen, vor allem weil viele Übergriffe nicht zur Anzeige gebracht werden“, sagt Nadaždin. Sie schätzt jedoch, dass die Übergriffe jährlich im zweistelligen Prozentbereich zunähmen. Aber nicht nur Homosexuelle würden solchen Hassverbrechen zum Opfer fallen. Die drittgrößte Opfergruppe seien Obdachlose. So wie Jan.

Der  65-jährige Alkoholiker lebte in einer Sozialunterkunft in Chrzanów in Südpolen. Am 10. April 2011 überfielen ihn dort zwei Jugendliche aus der Nachbarschaft. Sie schlugen unter folterten den Mann. Danach banden sie seine Füße zusammen, rollten ihn in eine Decke ein und warfen ihn in den Fluss. In einem späteren Gerichtsverfahren wurden die Minderjährigen zwar wegen Mordes verurteilt, erhielten jedoch nur die Mindeststrafe von acht bzw. achteinhalb Jahren. Als Hassverbrechen wurde auch dieser Fall nicht anerkannt.

Draginja Nadaždin_Amnesty International_by Alexander Hertel

Draginja Nadaždin ist Direktorin von Amnesty International Polen und hat an dem Bericht zu Hassverbrechen in Polen mitgearbeitet. Foto: Alexander Hertel

Polen, EU und Gesellschaft in der Pflicht

„Verbrechen aufgrund von Alter, sozialem Status oder sexueller Orientierung werden vom polnischen Strafgesetzbuch nicht separat verfolgt“, beschreibt Draginja Nadaždin das Problem. Es obliege den Richtern, diese Motive bei der Urteilsfindung zu beachten. Viele würden dies aber nicht tun. Jedoch seien nicht nur die polnischen Gesetze unzureichend, meint die Amnesty-Direktorin. Auch auf europäischer Ebene gäbe es keine kohärente Gesetzgebung gegen Hassverbrechen. „Die EU hat gute Vorgaben im Bezug auf Verbrechen aufgrund von Herkunft oder Religion. Obdachlose oder LGBT-Personen werden hier aber ebenso ausgeklammert.“, sagt Nadaždin.

Deshalb fordert Amnesty International auch Änderungen auf nationaler und europäischer Ebene. „Die Liste der Hassverbrechen solle nicht mehr so eng gefasst werden,“ erklärt Draginja Nadaždin. De facto sollte der Paragraph 119 um alle Verbrechen erweitert werden, bei denen ebenfalls Hass als Motiv eine Rolle spiele. „Dazu wäre es natürlich nötig, auch die gesellschaftliche Sensibilität für solche Verbrechen zu stärken, auch die Wahrnehmung der Richter.“

Aber auch die EU müsse ihre Regelungen überarbeiten, fordert Nadaždin. „Hier müssen Hass aufgrund von Alter, sozialem Status oder sexueller Orientierung ebenfalls als Motiv aufgeführt werden“. Dann müsse die polnische Regierung diese Regelung in nationales Recht implementieren.

Für die Zukunft wünscht sich Draginja Nadaždin mehr Sensibilität und eine bessere rechtliche Absicherung. Denn in allen Fällen haben die Verbrechen, auch die nicht tödlichen, schwerwiegende Folgen für die Opfer und ihre Familien, erklärt die Amensty-Direktorin: „Sie fahren nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, verlassen nicht alleine das Haus oder ziehen gleich weg in eine andere Stadt oder gar eine anderes Land. Diese Menschen sind hochgradig traumatisiert.“ In wenigen Wochen veröffentlicht Amnesty International einen ähnlichen Bericht zu Hassverbrechen in Deutschland, sagt Draginja Nadaždin: „Da ist die Situation nicht viel besser.“


 

*Anmerkung: Im Bericht von Amnesty International wird das Opfer als „P.“ bezeichnet. In polnischen Medienberichten zum Mord taucht immer wieder sein vermeintlicher Vorname auf. In diesem Bericht wurde ein frei erfundener Vorname verwendet.

Steigt auf die Dächer Warschaus, um die Metropole von oben zu portraitieren: Aleksandra Łogusz. Den Polen will sie damit die schönen Seiten der ungeliebten Hauptstadt zeigen. Foto: Alexander Hertel
: Reportageserie: "Mein Warschau"

Autodidaktin mit Auftrag

Die Reportage über Aleksandra Łogusz ist der Auftakt zur Serie „Mein Warschau“. In ihr gibt es regelmäßig Portraits und Geschichten über die Bewohner Warschaus und ihren Blick auf die Stadt.


 

Aus nahezu jeder Perspektive erblickt man in Warschau das ungeliebteste Geschenk Polens. 237 Meter übereinander geklotzter Sandstein ragen seit den 1950er Jahren am zentralen Plac Defilad in den Himmel der polnischen Hauptstadt. Der Palast der Kultur und Wissenschaften, kurz Kulturpalast, war ein „Geschenk der Sowjetunion an die Volksrepublik Polen“. Ein Geschenk, das sich niemand gewünscht hatte.

Fast vier Jahrzehnte lang erinnerte der Monumentalbau das stolze Land täglich an die Fremdbestimmung durch den großen Bruder, die Sowjetunion. Heute beherbergt er mehrere Museen und Bibliotheken, Cafés, Konferenzräume, ein alternatives Kino und die bei Touristen beliebte Aussichtsplattform im 30. Stock. Die Warschauer haben sich das Mahnmal ihrer Unterdrückung zurückerobert.

 

Die Fussball-EM als Wendepunkt

Im malerischen Abendlicht kommt eine junge Frau Richtung Haupteingang geeilt. Schwarzes Etuikleid mit dezentem Pailettenbesatz und farblich passenden Ballerinas. Eine Flieger-Sonnenbrille in das wallende braune Haar gesteckt, um den Hals eine schwere schwarze Spiegelreflexkamera. „Sorry, der Warschauer Verkehr…“, grinst sie vielsagend und verschwörerisch. Zu spät kommen gehört in Warschau fast zum guten Ton.

Die dreißigjährige Aleksandra Łogusz wohnt seit gut drei Jahren in der Stadt. Vorher lebte sie einige Jahre auf dem Balkan und studierte in den USA. Während der Fußball-EM 2012 arbeitete sie als Reporterin für den polnischen TV-Sender Polsat. „Das war ein Wendepunkt. Nicht nur für Warschau, sondern für ganz Polen“, beschreibt sie das Lebensgefühl dieses Fussballsommers.

Warschau boomt wie ganz Polen seit Jahren und erstrahlt in neuem Glanz. Hier die wieder aufgebaute Altstadt nebst Sigismundsäule am Schlossplatz. Foto: Alexander Hertel

Warschau boomt wie ganz Polen seit Jahren und erstrahlt in neuem Glanz. Hier die wieder aufgebaute Altstadt nebst Sigismundsäule am Schlossplatz. Foto: Alexander Hertel

Wie viele Polen und Ausländer erlebte sie eine Stadt, die sich nach grauen Jahrzehnten der bleiernen Schwere als fröhliche, weltoffene Metropole präsentierte. „Aber ich habe fast jeden Tag gearbeitet, auch am Wochenende. Frei hatte ich nur unter der Woche, da haben alle meine Freunde gearbeitet“, erzählt sie, während sie den Fahrstuhl im Inneren des Palastes betritt. Also habe sie „angefangen,  die Stadt zu erkunden. Kleine und große Ausflüge“ gemacht. Die hielt sie als Andenken mit ihrer Handykamera fest, irgendwann mit der Spiegelreflexkamera ihres Vaters.

 

Von Schnappschüssen zum „Foto des Jahres“

„Vielen Dank, auf Wiedersehen“, verabschiedet sie sich polnisch höflich von der Fahrstuhldame und tritt auf die Aussichtsplattform im 30. Stock des Kulturpalastes. „Hier war ich seit Jahren nicht mehr“, kichert sie über die Ironie des Umstands. Denn ihr Hobby führte sie immer häufiger auf die Dächer der unzähligen Plattenbauten Warschaus.

Dort entdeckte Aleksandra fasziniert ganz neue Perspektiven auf ihre Wahlheimat. Da seien „zum Beispiel die vielen Grünflächen, die in der Wahrnehmung der Polen gar nicht so verankert sind.“ Die denken an Warschau als grau-braune Stadt. Dabei ist das wahrscheinlich eine der grünsten Hauptstädte Europas“, jauchzt sie und deutet gen Südosten, wo sich ein Park an den nächsten reiht. In der Tat gibt es nur in Berlin mehr Quadratmeter Grünfläche je Einwohner. In Warschau verstecken sich diese nur hinter den unzähligen Plattenbauten.

Aleksandra ist immer auf der Suche nach neuen Motiven zum drauf halten. Foto: Alexander Hertel

Aleksandra ist immer auf der Suche nach neuen Motiven zum drauf halten. Foto: Alexander Hertel

„Ich habe dann auch bei Gebäuden angefragt, die eigentlich nicht zugänglich sind und durfte dann auf Bürogebäude und Hochaus-Baustellen, selbst in die unfertige Metro unter der Erde“, erinnert sie sich, an der Balustrade der Aussichtsplattform lehnend, den Blick auf die neue Skyline der Stadt gerichtet. Die Kamera dabei immer im Anschlag für den nächsten Schnappschuss.

Aleksandra postete ihre ungewöhnlichen Stadtansichten in sozialen Netzwerken, vor einem Jahr eröffnete sie ein kleines Blog. Und ihre Bilder trafen einen Nerv. Tausende Menschen folgen ihrer Seite mittlerweile. Im Frühjahr wurde eines ihrer Motive zum „Foto des Jahres“ gekürt und Anfang Juli eröffnete Aleksandra ihre erste eigene Ausstellung in der Altstadt.

Nun wird sie ins Fernsehen eingeladen und dort als Fotografin angekündigt. „Verrückt, wie schnell das alles ging“ sagt sie kopfschüttelnd und das erste Mal merkt man, dass ihr der ganze Trubel etwas unangenehm ist. „Ich habe das nie gelernt, fotografiere einfach drauf los“, sagt sie schließlich achselzuckend.

Aleksandra Łogusz und ihr "Bild des Jahres". © blogusz.pl
Altes und neues Wahrzeichen Warschaus: rechts der Kulturpalast, links das neue Apartmenthochhaus "Złota 44". © blogusz.pl
Immer wieder beeindruckend: die Warschauer Skyline bei Nacht. © blogusz.pl
Schick und stolz thront das neue Nationalstadion in den Landesfarben über dem Weichselufer im Stadtteil Praga. © blogusz.pl
Kreative Klötze. Die alten Plattenbauten aus der kommunistischen Ära wurden generalsaniert und bilden nun ein buntes Farbenmehr. © blogusz.pl
Für ihre Fotos überflog Aleksandra Warschau auch in einem Ultraleichtflugzeug. Hier über "Siekierkowski"-Brücke, einer von insgesamt neun, die die Wechsel überspannen. © blogusz.pl
Auch unter der Erde gibt es in Warschau viel zu entdecken. Hier den Tunnel der neuen Metrolinie 2, die im März 2015 eröffnet wurde. Foto: blogusz.pl
Zum Schluss der Vergleich zwischen Profi und Amateur. Eine von Aleksandras Aufnahme während des Interviews... Foto: blogusz.pl
...und der Versuch des Autors mit seinem Kompaktkamera. Foto: Alexander Hertel

Botschafterin des neuen Warschaus

Dabei seien die Reaktionen durchweg positiv, weiß Alexandra zu berichten. „Eine Exilpolin schrieb mir aus den USA. Sie war seit dem Krieg nicht mehr hier. Wegen meiner Bilder wolle sie nun her kommen.“ Aleksandra grinst zufrieden in den Sonnenuntergang, zieht immer wieder die Kamera hoch und schießt schnell drei, vier Bilder.

Dabei redet Aleksandra quasi ununterbrochen. Sie gestikuliert mit beiden Händen, wirft die Haar von links nach rechts und zurück. Wenn sie sich über etwas aufregt, stampft sie auf. Auch einige Schimpfwörter mischen sich in die zitierfertigen Sätze der ehemaligen Journalistin. Man weiß nicht genau, ob es ihre Dynamik ist, die sich auf ihre Bilder überträgt oder andersherum sie die Kraft dieser Stadt aufsaugt. Wahrscheinlich beides.

Aber Aleksandra sieht sich auch auf einer Mission. Sie will den Warschauern und Polen zeigen, wie sich die Stadt verändert. „Wenn ich nach fünf bis sechs Monaten wieder auf ein Dach komme, steht gegenüber plötzlich ein neuer Wolkenkratzer“.

Doch Warschau genießt im Rest des Landes keinen besonders guten Ruf. Groß, klotzig, kapitalistisch, ätzt man außerhalb der Hauptstadt. Aber „narzekać“, das gepflegte Meckern und Lamentieren ist ein von den Polen innig gepflegtes Kulturgut. „Ich will den Leuten sagen: Du meckerst die ganze Zeit. Aber du hast so viele neue Orte, Attraktionen, Möglichkeiten. So viel passiert gerade!“

Warschaus Skyline befindet sich im ständigen Wandel. Vor allem im nordwestlich Zentrum wachsen neue Wolkenkratzer in die Höhe. Foto: Alexander Hertel

Warschaus Skyline befindet sich im ständigen Wandel. Vor allem im nordwestlich Zentrum wachsen neue Wolkenkratzer in die Höhe. Foto: Alexander Hertel

 

Eine Stadt erwacht zum Leben

Warschau ist das unangefochtene wirtschaftliche Zentrum Polens, doch auch seine Kunst- und Kulturszene ist äußerst vital. „Und das kulturelle Leben ist nicht teuer. Es gibt viele kostenlose Veranstaltungen“, meint Aleksandra. Sie käme selber kaum mehr aus der Stadt raus, weil sie ständig neue Ausstellungen und Konzerte besuche. In Warschau fände jeder seine Nische, sagt sie: „Das mag sehr optimistisch sein, aber das ist meine Meinung. Wir sollten uns über diese Dynamik freuen, auch wenn es noch viel zu tun gibt.“

Da sei zum Beispiel das Flussufer, meint Alexandra: „Das war über Jahrzehnte eine vergessene, verödete Gegend. Jetzt ist das ein Ort, wo sich das ganze Leben hinbewegt. Im Sommer können wir uns gar nicht mehr vorstellen, dort nicht mehr hinzugehen.“  In Polen sei der Winter sehr lang, deswegen nölten die Menschen auch so viel, witzelt Aleksandra. Aber im Sommer findet das gesamte öffentliche Leben in Warschau draußen statt: in den Parks und Innenhöfen, auf den Boulevards und Plätzen, in den unzähligen Cafés und Kneipen der Hauptstadt.

Heute ziehe es die Menschen viel stärker ins Grüne als früher, meint Aleksandra: „Die Leute fahren Fahrrad, treffen sich am Fluss, gehen mit ihren Hunden spazieren. Überall liegen sie auf ihren Decken. In westlichen Großstädten ist das schon lange so. Hier muss man die Leute daran erinnern, dass das nicht immer so gut funktioniert hat.“

Der Fluss war bis vor wenigen Jahre eine Kloake, das Ufer komplett verwildert. Dass es trotz des Hypes immer noch fast unbebaut ist, macht die Weichsel aber immer noch zu einem einzigartigen Biotop für Naturfreunde und Partywütige. Und auch die Wasserqualität verbessert sich langsam. Der Fluss erwacht seit einigen Jahren zu neuem Leben.

Blick auf das Zentrum Warschaus. Vorne die Einkaufsmeile Marszałkowska mit ihren Konsumtempeln und am Horizont das neue Nationalstadion jenseits der wieder Weichsel, die zu neuem Leben erwacht. Dazwischen viel grau, aber auch grün. Foto: Alexander Hertel

Blick auf das Zentrum Warschaus. Vorne die Einkaufsmeile Marszałkowska mit ihren Konsumtempeln und am Horizont das neue Nationalstadion jenseits der Weichsel, die wieder zu neuem Leben erwacht. Dazwischen viel grau, aber auch grün. Foto: Alexander Hertel

 

Die Bürde der nationalen Tragödie

Sie lässt den Arm erneut über das Stadtzentrum schweifen. „Trotz der Geschichte hat sich vieles so wunderbar entwickelt. Nicht nur hier in Warschau, sondern im ganzen Land. Aber in dieser Stadt natürlich ganz besonders.“ Sie blickt nun so ernst, wie nie an diesem Abend. Jeder Pole weiß, warum. Denn „die Geschichte“, das ist ein außerhalb Polens fast vergessenes Kapitel der Warschauer Historie, ohne das man das Warschau von heute nicht versteht.

In Sommer 1944 wagten die Warschauer einen Aufstand gegen die blutige deutsche Okkupation. Auch, weil sie die nahende Rote Armee und eine erneute Besatzung des Landes fürchteten. Doch Hitler ließ den Aufstand mit unbeschreiblicher Brutalität niederschlagen. 150.000 Zivilisten ermordete die SS in ihren Vergeltungsaktionen, 60.000 innerhalb der ersten Tage. Danach sprengte  sie die Stadt systematisch.

Als die Rote Armee im Februar 1945 in die Stadt einrückte, waren 95 Prozent der Gebäude zerstört. Wen die Deutschen nicht deportiert hatten, der war geflohen. In den Trümmern der einstigen Millionenmetropole hausten gerade noch 1.000 Menschen. Warschau war eine Geisterstadt. Nie zuvor oder danach in der europäischen Geschichte wurde eine Großstadt komplett ausradiert. Doch die Polen bauten sie wieder auf.

„Die Polen haben ein sehr starkes historisches Bewusstsein. Manchmal glaube ich, das ist so tief verwurzelt, dass sie vergessen, was heute ist“, sagt Aleksandra nachdenklich. Es fiele den Menschen immer noch schwer, den Aufschwung der letzten Jahre zu genießen. Sie hätten ihn ja auch früher haben können. Doch die Geschichte hätte sie zu Opfern gemacht. Das sitzt tief.


Der bedrückende Animationsfilm „City of Ruins“ macht die unermessliche Zerstörung Warschaus im 2. Weltkrieg in wenigen Minuten visuell fassbar.

 

Glitzernder Boom statt grauer Bankrott

Nach dem Krieg folgten fast fünf Jahrzehnte sowjetischer Fremdbestimmung. Als Polen 1989 unabhängig wurde, war Warschau grau und heruntergekommen, das Land rückständig und bankrott. Es folgte eine schmerzhafte und bis heute viel diskutierte Politik der extremen Liberalisierung und Privatisierung. 1998 trat das Land der NATO bei, 2004 der Europäischen Union. Seitdem erlebt Polen ein kleines Wirtschaftswunder und Warschau blüht wieder auf.

„Oft denke ich darüber nach, wie mein Leben aussehen würde, wenn wir diesen Systemwechseln nicht gehabt hätten“, murmelt Aleksandra und fotografiert schweigend die vollkommen überfüllte Verkehrskreuzung „Centrum“, einen gordischen Verkehrsnoten aus Autos , Bussen und Trams.  In der ersten Zuschauerreihe stehen hunderte ameisengroßer junger Warschauer vor dem zylinderförmigen Gebäude der PKO-Bank. Die „Rotunda“ ist einer der beliebtesten Treffpunkt für abendliche Verabredungen.

Auf der Plattform drehen noch einige versprengte Touristen und Hobbyfotgrafen ihre Runden. „Mich bewegt das sehr, dass ich in Europa ohne Pass reisen kann, wohin es mich zieht“, greift Aleksandra ihren Gedanken wieder auf. Und dann sei da ja noch die Ukraine. Tragisch, aber auch ein mahnende Erinnerung für Polens Glück.

Aleksandra Logusz ist nicht die einzige Fotografin, die Warschaus Dächer zu als Arbeitsort und Motiv zu schätzen weiß. Mit Maciej Margas ist sie auch befreundet. Foto: Alexander Hertel

Aleksandra Logusz ist nicht die einzige Fotografin, die Warschaus Dächer als Arbeitsort und Motiv zu schätzen weiß. Mit Maciej Margas ist sie auch befreundet. Foto: Alexander Hertel

 

Das ukrainische Schicksal als Mahnung

Große Teile der heutigen Ukraine waren bis zum Krieg polnisches Territorium. Beide erlangten nach dem Fall des eisernen Vorhangs gleichzeitig die Unabhängigkeit, auch das Wirtschaftsniveau war ähnlich miserabel. „Dennoch haben sich unsere Wege in einem bestimmten Moment stark getrennt“, rekapituliert Aleksandra die vergangen 25 Jahre. „Und ich schätze es sehr, dass wir uns nach Europa orientiert haben.“ Europa betont sie dabei besonders, fast zärtlich. So wie es Menschen tun, die immer noch an die verbindende Kraft dieser Idee glauben.

„Aber die Unterschiede zwischen Polen und der Ukraine sind heute…“. Aleksandra stockt, verwirft sichtlich eine fertig formulierte Einschätzung. Nach einigem Überlegen folgt ein knappes „heute kann man das nicht mehr vergleichen. “In ihrem Blick mischen sich Erleichterung, Mitgefühl und das Wissen, dass es auch hier hätte anders laufen können.

 

Das unendliche Klischee

Doch die Klischees und Stereotypen vom Entwicklungsland und seiner hässlichen Hauptstadt hielten sich hartnäckig, vor allem im Ausland. „Da laufen doch überall Ratten rum und des gibt kein warmes Wasser“, höre sie immer noch von Menschen, die noch nie in Polen gewesen seien. Bei einer WG-Party sei das gewesen, kurz vor der EM. „Schau hier, das ist ein Kühlschrank, da lagern wir unser Essen drin“, imitiert sie nun das gebrochene Englisch ihrer Gesprächspartnerin. Es war eine Deutsche.

„Pfff“, schnauft Aleksandra und verdreht die Augen. Sie, die mehrere Sprachen spricht, wirkt jetzt selber herablassend, aber auch ein bisschen angefasst. „Länder, die nicht so eine schwere Geschichte hatten, haben uns lange mit Herablassung angeschaut.“ Doch auch das ändere sich langsam.

Beim Erzählen ist Aleksandra permanent in Bewegung. Besonders, wenn sie sich aufregt. Foto: Alexander Hertel.

Beim Erzählen ist Aleksandra permanent in Bewegung. Besonders, wenn sie sich aufregt. Foto: Alexander Hertel.

 

Der Tourismus nimmt stetig zu. Viele kämen ohne ein Bild von dem Land nach Polen: „Die stellen sich irgendein Loch vor und erleben ein modernes, schönes Land, in dem viel Spannendes passiert.“ Und natürlich würden sich die stolzen Polen über die neue Anerkennung freuen, meint Alexandra. Lange hätte den Polen „diese positive Meinung von uns selbst gefehlt.“

 

Der Turbo-Kapitalismus als Happy End

„Schau“, ruft Aleksandra schon wieder entzückt und zeigt auf ein tiefes quadratisches Bauloch an der Haupteinkaufsstraße Marszalkowksa. „Da bauen sie gerade ein riesiges Kaufhaus mit allem Drum und Dran. Weißt du, was da früher war?“ Ohne die Antwort abzuwarten, redet sie weiter: „Kurz nach dem Ende der Sowjetunion hat da 1992 der erste McDonalds Polens eröffnet. Um den ganzen Block standen die Leute an für einen Burger. Manche sind extra deswegen nach Warschau gekommen.“

Der Convenient-Burger in der Pappschachtel als kulinarische Offenbarung und Versprechen auf ein besseres Lebens. „Gerade mal 25 Jahre ist das her“, betont Aleksandra jedes einzelne Wort und blickt noch eine Weile entrückt auf die in der Abendhitze flirrenden Dächer, glitzernden Fassaden und hektische Betriebsamkeit zu ihren Füßen. Zufrieden packt sie die Kamera ein und entschwindet in die junge Nacht.

Englischstunde an der Willy-Brandt-Schule in Warschau- Foto: Alexander Hertel
: Orte: Deutsche Schule Warschau

Die Kulturbereicherer

Auf ein Nicken hin  lässt das Mädchen im Ramones-Shirt den Arm sinken und setzt zu ihrer Interpretation an: „Man könnte auch meinen, dass sich das auf die Untergrundorganisation Consul der Reichswehr bezieht. Die sind ja sehr in Verruf geraten durch die Morde an Politikern wie Matthias Erzberger und Walther Rathenau.“  – „Richtig, aber nicht in dieser Karikatur“, merkt Norbert Stüwe Kopf schüttelnd an und stellt die nächste Frage zum Parteienspektrum der Weimarer Republik. Das aufgeschlagene Geschichtsbuch in der Hand, den Blick auf seine 11. Klasse gerichtet. Zwölf Jungen und Mädchen, alle um die 17.

Consul, Erzberger, Rathenau. In dieser Gewichtsklasse geht es die nächsten vierzig Minuten weiter. Dann Englisch, ein Rollenspiel: im Bewerbungsgespräch. Ein normaler Morgen an der Willy-Brandt-Schule (WBS) in Warschau. Schulleiter Jürgen Frobieter nimmt die verblüffte Schilderung der letzten zwei Stunden lächelnd entgegen. „Der Hintergrund unserer Schüler liegt in jeglicher Hinsicht über dem deutschen Durchschnitt. Intellektuell und auch sozial“, sagt er, während er über den Schulflur schlendert.

Die zitronengelb gestrichenen Betonwände leuchten makellos im Tageslicht, das durch die raumhohen Glasfenster fällt. Der orangerote Linoleum-Boden ist noch schlierenfrei. Erst seit wenigen Wochen residiert die WBS in dem Neubau im schicken Warschauer Vorort Wilanów. Knapp 19 Millionen Euro ließ sich der Bund das Gebäudeensemble kosten. Zur Einweihung kamen die Außenminister Deutschlands und Polens und der polnischstämmige Fussballnationalspieler Lukas Podolski. 140 dieser Auslandschulen unterhält die Bundesrepublik rund um den Globus.

Aus Überzeugung vielfältig. Die Flaggen Polens, Deutschlands und der EU vor der WBS. Foto: Alexander Hertel
Weitläufig und geschmackvoll. Der millionenschwere Neubau der Willy-Brandt-Schule (WBS) in Warschau. Foto: Alexander Hertel
Neu, bunt und leer. Noch besuchen gerade einmal 200 Schüler die WBS. In einigen Jahren könnten es mehr als doppelt so viele seine. Foto: Alexander Hertel
Schulleiter Jörg Frobieter im Zwiegespräch mit einer Schülerin. Foto: Alexander Hertel
Namenspatron mit Coolnessfaktor. Ein Willy Brandt-Poster im Lehrerzimmer der WBS. Foto: Alexander Hertel
Auf den Fluren wird dem großen SPD-Kanzler aber ganz seriös gedacht. Foto: Alexander Hertel
Und auch seiner wichtigsten Geste: dem "Kniefall von Warschau". Foto: Alexander Hertel
Von den Schülern selbst gestaltete Kunstwerke zu polnischen und deutschen Berühmtheiten. Foto: Alexander Hertel
Kaum ist die letzte Stunde vorbei, beginnt der Run auf die Kantine. Foto: Alexander Hertel
Dabei bietet auch die ein reichlich Platz. Foto: Alexander Hertel
Und auf einen Kantinen-Klassiker können sich alle einigen.  Foto: Alexander Hertel
Auch die Nachbarschaft ist brandneu. Der schicke Vorort Wilanów wurde in wenigen Jahren aus dem Erdboden gestampft. Genau wie der "Tempel der göttlichen Vorhersehen", Polens jüngstes Nationalheiligtum. Foto: Alexander Hertel
Kicken gehört zum Alltag, wie überall sonst auf der Welt. Foto: Alexander Hertel
Und nicht nur gelernt wird hier erstklassig. Der Rasenplatz hinter der Schule bietet Champions-League-taugliche Bedingungen und einer beeindruckenden Ausblick. Und die Bundesliga kommt auch mal zu Besuch: Borussia Dortmund veranstaltet regelmäßig Sichtungstage. Foto: Alexander Hertel

bunte Mischung jenseits der Schublade

„Wir haben letztendlich alles hier“, erläutert Frobieter in seinem funktionalen Büro im ersten Stock angekommen. „Sehr viele Kinder aus deutsch-polnischen Mischbeziehungen“, sagt er lachend. Mischbeziehung. In seiner Lebenswirklichkeit wirkt so ein Begriff zutiefst absurd. Der urdeutsche Zwang, Menschen nach ihrer Herkunft zu sortieren, greift an der WBS ins Leere.

»Mein „Hintergrund“? Deutsch-polnisch-russisch-jüdisch wäre das dann wohl.« – Sara, 15

Neben den „Mischlingen“ gibt es vorwiegend Kinder polnischer Familien aus Warschau und von Deutschen, die beruflich in Warschau sind. Gegründet wurde die WBS 1978 als Botschaftsschule für die Kinder deutscher Diplomaten. Die kommen immer noch, dazu die Sprösslinge von Managern, Ingenieuren und Journalisten, die in Warschau arbeiten.

Menschen wie Frobieter selbst, der mit einer Polin verheiratet ist. Seine beiden Kinder besuchen ebenfalls die WBS. Der selbsterklärte „Best Ager“, lichtes graues Haar, offenes Hemd unter dem Sakko, wirkt rundum zufrieden mit seinem Berufs- und Lebensmodell.

 

Deutscher Lehrplan, internationales Flair

„Der ganze Lehrplan ist ein deutscher. Bis hin zum Abitur.“, führt Frobieter aus. Die Schulsprache ist deutsch, sowohl im Unterricht, als auch in den Nachmittagsangeboten. Jedoch müssten alle Schüler, auch die deutschen, verpflichtend Polnisch lernen.

Frobieter zufolge sollten die Kinder damit die Chance haben, „sich im Alltag zumindest ein bisschen mit polnischen Kindern unterhalten zu können.“ „Einigermaßen“ betont er dabei und guckt etwas resignierend zur Decke. In der Realität ist die Fluktuation gerade unter den Zugereisten einfach zu hoch. Viele müssen durch den Job der Eltern alle drei, vier Jahre das Land wechseln, manchmal den Kontinent. „Warschau ist dann eben eine Station.“

 

Das gesamte Interview mit Schulleiter Jörg Frobieter zum Anschauen.

 

Mit zwei Abschlüssen ins Studienleben

Wer bleibt, kann neben dem deutschen Abitur auch die polnische Matura ablegen. „Wir wissen von unseren Absolventinnen und Absolventen, dass ihnen das alles sehr zu gute kommt“, sagt Frobieter. Die Schüler können dann ohne Probleme in Polen oder Deutschland studieren, auch wechseln. Sehr beliebt sei die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, die zweisprachige Studiengänge anbietet. Ansonsten verteilen sich die Studenten recht ausgeglichen auf deutsche und polnische Hochschulen.

Privilegiert oder außergewöhnlich würden sich die Schüler damit nicht fühlen. „Für die ist das so normal“, grinst Frobieter. Auch die schwierige deutsch-polnische Geschichte habe kaum einen Einfluss auf ihr Leben.

Im Unterricht sei diese aber natürlich integraler Bestandteil, sagt Frobieter: „Wenn ich in meinem Deutschunterricht über deutsche Literatur arbeite, dann kommt irgendwo ein Einschlag aus polnischer Literatur mit dazu.“ Etwa „die schöne Frau Seidenmann“ von Andrzej Szczypiorski. Der preisgekrönte Episodenroman schildert das Leben im besetzten Warschau während des Zweiten Weltkriegs.


Wie lebt es sich als Schüler an einer internationalen Schule? Welche Probleme hat man? Und Welche Identität? Im Interview erzählt Abiturientin Agata Gontarzcyk von ihren Erfahrungen.

 

Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung

Und auch der Namenspatron der Schule sei natürlich ein Beitrag zu deutsch-polnischer Freundschaft. Zum 100. Geburtstag des Vaters der Ostverträge organisierte die WBS eine Projektwoche. Die erste Klasse habe dabei die Berliner Mauer nachgebaut. Darauf die Worte Willy Brandts: „Der Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts.“

„Für die Schüler in ihrem Alltag bedeutet das, mein Kumpel heißt eben Paweł und nicht Paul“, fasst Frobieter noch einmal zusammen. Die Pauls und Pawełs haben gerade Hofpause und spielen Fussball. Im Tor steht Bastian Schweinsteiger, strohblond, etwa 10 Jahre alte. Die Hände profihaft in die Hüfte gestemmt feuert er seine Teamkameraden an, die gerade im Angriff sind. Dann reißt er beide Arme hoch und brüllt aus ganzer Kehle: „Jeden do zera!“ – Eins zu null.

An der WBS werden Herkunft, Religion und Sprachen wild durcheinander gemischt. Da wird selbst ein Urbayrischer Weltmeister und "Fussballgott" rücksichtslos polonisiert. Foto: Alexander Hertel

An der WBS werden nationale Wurzeln, Religionen und Sprachen wild durcheinander gemischt. Da wird selbst ein Urbayrischer Weltmeister und „Fussballgott“ erbarmungslos polonisiert. Foto: Alexander Hertel

Rolf Nikel und die Devotionalien seiner Botschafter-Arbeit. Foto: Alexander Hertel
: Botschafter Rolf Nikel im Interview

„Polen hat eine Schlüsselrolle“

Elegant schmiegt sich der imposante Neubau der Deutschen Botschaft in Warschau mit seinem grünlichen Sichtbeton in die umgebende Parklandschaft nahe des Polnischen Parlaments. Hat man die Sicherheitsschleuse erst einmal passiert, gibt die gläserne Empfangshalle den Blick auf den perfekt gepflegten Garten und die geschwungene, terrassenartig angeordnete Rückseite des Gebäudekomplexes frei.

Zum Interview bitten Botschafter Rolf Nikel  und sein Pressereferent aber in sein funktional eingerichtetes Büro im zweiten Obergeschoss des angrenzenden Verwaltungtrakts. Ein Schreibtisch, eine Sitzgarnitur, eine Anrichte mit Familienbildern, das wars. In Polen lässt man als Deutscher Understatement walten. Nikel lässt sich in einem der schweren schwarzen Ledersessel nieder und überprüft noch einmal, ob er im Kamerabild vorteilhaft rüberkommt. Dann lächelt er: „Gut, los geht’s“.


 

Kopernikus: Herr Botschafter, Sie beschäftigen sich seit mehr als drei Jahrzehnten in verschiedenen Positionen mit Polen. Welche Veränderungen hat das Land in dieser Zeit durchlebt?

Rolf Nikel: Es ist ganz wichtig, das Datum 1989 in Erinnerung zu behalten. Das war der Moment, in dem Polen seinen angestammten Platz in Europa wieder eingenommen hat. Seitdem hat es in Polen Erstens eine enorme ökonomische Entwicklung gegeben, was auch zu einer positiven Einstellung der Bevölkerung gegenüber der Europäischen Union geführt hat.

Und zum Zweiten gab es das, was der polnische Präsident Bronisław Komorowski* als das „Wunder der Versöhnung“ bezeichnet hat: Die deutsch-polnische Annäherung und Aussöhnung, die ihres Gleichen sucht. Die Entwicklungen in Polen und Osteuropa im Herbst 1989 haben einen wichtigen Beitrag zur Deutschen Einheit geleistet. Und auch dafür sind wir heute noch sehr, sehr dankbar.

Der Botschaftsgarten in seiner ganzen Pracht. © Deutsche Botschaft Warschau

Der Botschaftsgarten in seiner ganzen Pracht. © Deutsche Botschaft Warschau

 

1989 haben Polen und die ehemalige DDR und eine ähnliche revolutionäre Entwicklung erlebt. Hat diese gemeinsame Geschichte eine spezielle Bedeutung für die deutsch-polnische Aussöhnung?

Auf jeden Fall. Der Beitrag Polens zur Revolution in der DDR und in der Folge zur Deutschen Einheit ist unbestreitbar und wichtig. Und er hat auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit enorm vergrößert, insbesondere über die deutsch-polnische Grenze hinweg. Die Grenze trennt überhaupt nicht mehr, sondern sie verbindet. Es gibt viele grenzüberschreitende Projekte, wirtschaftliche wie zivile. Hier haben die neuen Bundesländer enorm dazu beigetragen, eine für die Menschen erfahrbare positive Realität zu schaffen.

 

Ein weiteres sehr wichtiges Datum war der EU-Beitritt Polens im Jahr 2004. Damals gab es beiderseits der Oder Vorbehalte gegenüber diesem Beitritt.  In Deutschland wurde das Bild der kriminellen Polen und Osteuropäer heraufbeschworen. In Polen hatte man Angst vor einer Brüsseler oder sogar einer Berliner Dominanz. Gibt es jetzt elf Jahre später so etwas wie eine deutsch-polnische Normalität?

Ich glaube ja. Diese Befürchtungen waren vor dem polnischen EU-Beitritt in der Tat vorhanden. Die Entwicklung hat aber gezeigt, dass die Befürchtungen vollkommen unberechtigt waren. Wir haben heute eine wirtschaftliche Entwicklung, von der beide Staaten profitieren. Wir haben einen jährlichen Handel in Höhe von 87 Milliarden und Direktinvestitionen in Höhe von 20 Milliarden Euro. Das sind enorme wirtschaftliche Vorgänge, die zeigen wir stark die wirtschaftlichen Verflechtungen geworden sind.

Sie zeigen aber auch wie stark sich Polen entwickelt hat. Bevor ich als Botschafter nach Polen kam, bin ich immer wieder nach Polen gereist und konnte die Entwicklung sehr konkret sehen: in den Infrastrukturprojekten, Autobahnen und so weiter. Da zeigt sich, welchen großen Vorteil Polen aus diesem EU-Beitritt gezogen hat. Und nach den Umfrageergebnissen gehört Polen zu den Staaten mit den höchsten Zustimmungsraten gegenüber der europäischen Union. Höher als in Deutschland.

 

In der Tat waren es im Jahr 2014 fast 80 Prozent. Der polnische Präsident Komorowski und der ehemalige Premierminister Donald Tusk, der jetzt dem Europäischen Rat vorsteht, gelten und äußern sich immer wieder als überzeugte Europäer. Wie wichtig ist das für ein Land, das ihre politische Elite diesen Europäischen Traum auch darstellt?

Ich glaube, dass ist sehr wichtig und Sie haben hier einen Begriff erwähnt, den ich sehr gut finde: den Europäischen Traum. Er ist ja an den Begriff des „American Dream“ angelehnt ist. Für diejenigen der EU, die nur die Probleme sehen, ist dieser Gedanke aber nicht präsent. Und das finde ich falsch, wenn man sieht, welche Erfolge und welche Wirkung die Europäische Union gezeigt hat, gerade im Hinblick auf auf die Geschichte.

Das Europäische Projekt ist natürlich auch eine Reaktion auf unsere Geschichte. Dass Menschen und Staaten, die sich in Europa über Jahrhunderte bekämpft haben, jetzt in Frieden und Freiheit in der Europäischen Union zusammen leben und eine gemeinsame Zukunft gestalten, ist vor 50 Jahren ein Traum gewesen. Heute ist es Realität geworden und wir müssen alles tuen, damit dieser Traum sich nicht nur in der EU selbst hält, sondern das er allen Menschen Mut geben kann.

 

Die komplette Rede des ehemaligen polnischen Staatspräsidenten Bronisław Komorowski im Deutschen Bundestag am 10. September 2014. 

 

Wir haben die wirtschaftliche Entwicklung bereits angesprochen. Polen ist mittlerweile die achtgrößte Volkswirtschaft innerhalb der EU, Deutschland ist wichtigster Handelspartner. Wird das eigentlich in Deutschland genug Wert geschätzt und anerkannt?

Ich glaube ja. Wir sind in Deutschland mittlerweile soweit, dass diese Dinge sehr stark anerkannt werden. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Ich würde sagen, dass es heute noch mehr als in der Vergangenheit darauf ankommt, dass Polen seine Rolle in der EU nicht nur als wichtiger Wirtschaftspartner spielt, sondern dass Polen auch mehr und mehr in eine gewisse Führungsrolle hineinwächst.

Das heißt, nicht nur bezogen auf den Osten. Polen als wichtiger großer Mitgliedsstaat muss auch die Probleme am südlichen Rand Europas sehen und hier mitgestaltet. Polens als eine Mit-Führungsnation in Europa ist etwas, dass wir in Deutschland durchaus begrüßen würden.

 

Polens Wille zur politischen Einflussnahme scheint gerade in der Ukraine-Krise zum Tragen zu kommen. Seine teils harschen Töne gegenüber Russland verwundern im Ausland ein wenig, erklären sich aber aus der Polnischen Geschichte. 1795 wurde es zwischen Preußen, Österreich und eben Russland geteilt. Das ist noch sehr präsent. Versteht man vor diesem Hintergrund, dass Polen Haltung gegenüber Russland und muss man Polen da besser zuhören?

Ich glaube, dass man in Deutschland sehr wohl verstanden hat,  dass es in Polen aufgrund der Geschichte Befürchtungen gibt. Diese Bedrohungsängste müssen wir sehr Ernst nehmen. Die Bundesregierung sucht in allen Fragen, die den Konflikt in und um die Ukraine betreffen, den engen Kontakt mit der polnischen Regierung. Die Bundeskanzlerin sprach es jüngst zu den 13. Deutsch-polnischen Regierungskonsultationen an.

Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier spricht immer wieder mit seinem polnischen Amtskollegen Grzegorz Schetyna. Das ist ein ganz, ganz wichtiges Thema, bei dem Deutschland natürlich auch eine gewisse Rolle zur politischen Lösung übernommen hat. Aber wir tuen alles, um sicher zu stellen, dass auch die polnische Perspektive Eingang in die Europäische Politik gegenüber diesem Konflikt findet. Denn nur, wenn wir als Europa hier gemeinsam agieren, haben wir eine Chance. Wenn wir uns auseinander dividieren lassen, haben wir überhaupt keine Chance.

 

Die Textfassung ist eine gekürzte Version des Interviews mit dem Botschafter Rolf Nikel. Hier die Langversion im Video.

 

Die Bundeskanzlerin hat bei ihrem Besuch in Moskau Anfang Mai selbst sehr drastische Worte gewählt. Sind wir an dem Punkt angekommen, dass die westeuropäischen Staaten zugeben, dass das kein innerukrainischer, sondern ein ukrainisch-russischer Konflikt ist?

Der Konflikt in der Ukraine ist sehr komplex. Ihn mit einem einzigen Begriff zu beschreiben, würde wahrscheinlich der Situation nicht gerecht werden. Die Bundesregierung ist in diesen Fragen ziemlich illusionslos. Wir sehen einen Konflikt, der verschieden Dimensionen hat. Er hat eine innere Dimension mit dem Konflikt zwischen den Separatisten und der Zentralregierung in Kiew. Aber er hat selbstverständlich auch eine Komponente, die über diesen Konflikt hinaus geht.

Umso wichtiger sind Foren, in denen alle Beteiligten miteinander sprechen können. Genau das ist der Minsk-Prozess. Da sind Russland und die Ukraine dabei, aber eben auch Frankreich und Deutschland. Wir versuchen zu helfen, dass dieser Konflikt auf dem diplomatischen Weg gelöst werden kann. Das funktioniert allerdings nur, wenn wir auch eine Politik betreiben, bei der Sanktionen zum Einsatz kommen. Es gehört beides dazu: eine Politik des Druckes, wenn Dinge geschehen, die nicht im Einklang mit einer friedlichen Lösung stehen. Und auf der anderen Seite müssen wir den Rahmen für eine solche Lösung schaffen.

Nochmal zurück zu den polnischen Bedrohungsängsten: Wir haben in der NATO so genannte „Reassurance“-Maßnahmen ergriffen. Die sollen sicherstellen, das Polen diese Bedrohungsängste nicht in dem Maße fühlt. Deutschland wird dazu in diesem Jahr mit über 2.000 Soldaten beitragen, die zu NATO-Übungen nach Polen kommen. Dazu wird es die  NATO-„Speerspitze“ geben. Deutschland spielt auch da eine wichtige Rolle. Wir wollen sicherstellen, dass unser NATO-Partner Polen fest darauf vertrauen kann, dass die Allianz zusammen steht. Das ist das Wichtige: Zusammenstehen gegenüber einem Konflikt in unserer Nachbarschaft.

 

Diese Maßnahmen sehen dann so aus, dass die NATO im größeren Maßstab Truppen und Material an die polnische Außengrenze verlegt, aber auch ins Baltikum. Russland tut an seinen Grenzen gen Westen dasselbe. Daher wird immer häufiger das Schreckensszenario eines neuen Kalten Krieges heraufbeschworen. Droht das wirklich mit der Ukraine in der Mitte als Pufferzone?

Ich glaube, derartige vergleiche mit der Vergangenheit sind falsch. Wir haben es im Moment nicht mit einem Kalten Krieg zu tun, sondern mit einem heißen Krieg. Und wir müssen für diesen Krieg eine politische Lösung finden. Was das dann konkret für die Europäische Sicherheitsordnung und die Beziehung Europas zu Russland bedeutet, dass ist meiner Meinung nach noch nicht abzusehen.

Es wird jetzt darauf ankommen, das Minsk-Abkommen umzusetzen. Das ist auch die Voraussetzung dafür, dass die Sanktionen gegebenenfalls zurück genommen werden. Aber nur, wenn das Minsk-Abkommen umgesetzt wird. Wir sollten uns daher jetzt nicht auf die großen strategischen Perspektiven konzentrieren, sondern darauf, diesen Konflikt auf politischem Wege zu beenden.

 

Und obwohl kurze Antworten in Zahlen immer sehr schwierig sind, trotzdem ein Versuch. Auf einer Skala von eins bis zehn, wie wichtig ist Polen in der Lösung dieses Konflikt?

(lacht) Zahlen sind immer schwierig und ich war auch in Mathematik in meiner Jugendzeit nicht so gut. Also lassen Sie es mich so sagen: Sehr wichtig.

 

Herr Botschafter, vielen Dank für das Gespräch.

Danke, Ihnen auch.


 

Rolf Wilhelm Nikel wurde am 22. Juli 1954 im Frankfurt am Main geboren. Von 1974 bis 1979 studierte er politischen Wissenschaften, Wirtschaft und Völkerrecht in Frankfurt, Durham N.C. und Paris. Nach der Ausbildung zum Höheren Diplomatischen Dienst sammelte er in den 1980er Jahren erste Erfahrungen im Referat Sowjetunion des Auswärtigen Amtes und den Botschaften in Moskau und Nairobi.

In den folgenden Zwanzig Jahren wechselten sich Auslandsstationen (Paris, Washington) mit verschiedenen Funktionen im Bundeskanzleramt ab. So war Rolf Nikel von 1989 bis 1994 stellvertretender, ab 1998 Leiter des Referats Osteuropa und wischen 2006 und 2011 stellvertretender Abteilungsleiter Außen- und Sicherheitspolitik. Seit April 2014 ist Nikel Deutscher Botschafter in der Republik Polen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

*Anmerkung: Das Interview wurde bereits im Mai 2015 aufgezeichnet. Seit dem 06. August ist  Andrzej Duda von der der national-konservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) Staatspräsident Polens.

Polen und Ukrainer vereint eine lange, schwierige Geschichte, aber auch ein gemeinsamer Feind: Russland. Hier eine Solidaritätsdemonstration in Warschau am 23. Februar 2014. © Jacek Kadaj
: Polen und der Ukraine-Konflikt

Alte Muster, alte Feinde

Polnische Erde, russische Erde

Seine größte Blüte erlebt Polen als Teil der polnisch-litauischen Personalunion. Die Adelsrepublik war zwischen dem 15. Und 18. Jahrhundert eine prosperierende Großmacht Europas. Ihre Ostgrenze erstreckte sich von Vilnius im Norden über das heutige Weißrussland und große Teile der Westukraine bis ans Schwarze Meer im Süden. Doch im 18. Jahrhundert bröckelte das Fundament der Republik.

Der sächsische König August der Starke, seit 1700 auch Großherzog von Polen, verwickelte die Adelsrepublik in den großen Nordischen Krieg mit Schweden. In dessen Folge wurden große Teil des Reiches verwüstet. Gleichzeitig spitze sich der konfessionelle Konflikt zwischen katholischer Mehrheit und protestantischer Minderheit zu. Die angrenzenden Großreiche Preußen, Russland und Österreich gerierten sich als Schutzmacht der religiösen Minderheiten. 1772 besetzten sie deshalb Teile Polens.

Trotz der Krise und des Landraubs versuchte sich Polen von innen heraus zu reformieren. 1791 verabschiedete das Parlament unter dem Eindruck der französischen Revolution die erste geschriebene Verfassung Europas. Doch die historische Errungenschaft bedeutete gleichzeitig den Untergang Polen-Litauens. Unter dem Motto des Kampfes gegen „die Krankheit des Jakobinismus“ – also der Demokratie –  besetzten die drei Teilungsmächte im folgenden Jahr weitere Gebiete Polens. 1795 erfolgte die dritte und letzte Teilung. Mit einem Handstreich verschwand Polen von der politischen Landkarte Europas. Und sollte es für 120 Jahre bleiben.

Die russische Zarin Katharina die Große sprach damals davon, „russische Erde heimzuholen“. ganz im Sinne der „Sammler russischer Erde“ legitimierte auch Wladimir Putin die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Für Polen klingt dies wie historischer Spott. Und wie ein Signal, dass Putin noch mehr russischer Erde heimholen will.

Die drei Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts. Quelle: Partitions of Poland german“ von Mullerkingdom aus der deutschsprachigen Wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Die drei Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts. Quelle: Partitions of Poland german“ von Mullerkingdom aus der deutschsprachigen Wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Die erneute Teilung

Erst durch die Wirren des ersten Weltkriegs konnte sich Polen nach 120 Jahren seine Unabhängigkeit zurück erkämpfen. Doch sie hielt nicht einmal zwei Jahrzehnte.

Denn nach Hitlers Armee rückten am 17. September 1939 auch Rotarmisten in Polen ein. Sie besetzten zügig die Gebiete bis etwa zur heutigen Ostgrenze Polens. Dies hatten die Diktatoren wenige Wochen zuvor in einem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts vereinbart.

Öffentlich begründete Stalins seine Intervention mit dem Schutz der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung Polens. Wieder Minderheitenschutz. Und wieder war das Land  geteilt und hatte seine Souveränität verloren. Bis heute ignoriert Russland diesen Teil der Geschichte weitgehend. Der Narrativ des Zweiten Weltkrieg beginnt zwischen Sankt Petersburg und Wladiwostok mit dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Sommer 1940.

Putin selbst verteidigte den damaligen Pakt. In der Ostukraine wollen Rebellen unter Putins schützender Hand ein „Neurussland“ errichten. Dort, wie auch auf der annektierten Krim sorgt sich der russische Präsident öffentlich um den Schutz der russischsprachigen Minderheit. Auch dieses historisch aufgeladene und oft angewendete Motiv russischer und sowjetischer Außenpolitik entgeht dem polnischen Beobachtern keinesfalls.

Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages am 28. September 1939. Damit war die erneute Teilung Polens vollzogen. Quelle: „MolotovRibbentropStalin“ von National Archives & Records Administration, nara.gov. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages am 28. September 1939. Damit war die erneute Teilung Polens vollzogen. Quelle: „MolotovRibbentropStalin“ von National Archives & Records Administration, nara.gov. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Katyn, Smolensk, tote Eliten

Bis zum Sommer 1940 richteten die Rote Armee und Angehörige des sowjetischen Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) – ebenso wie die Deutschen Besatzer – große Massaker unter der Zivilbevölkerung an. Dabei traf es vor Allem die „Intelligenzija“, die intellektuellen Führungselite des Landes: Politiker, Offiziere, Künstler, Hochschuldozenten. So wollten die Besatzer ihre Macht im Land langfristig sichern. Polen sollte nach Stalins Willen eine ungebildete Kornkammer der Sowjetunion werden. Das kollektiv präsenteste Massaker richtete der NKWD im Sommer 1940 im heute weißrussischen Katyn an.

Es sollte 70 Jahre später eine besonders tragische Note erhalten. 2010 lud Wladimir Putin erstmals eine polnische Delegation ein, um in Katyn gemeinsam der Opfer des Massakers zu Gedenken. Eigentlich eine versöhnliche Geste nach Jahrzehnten des Totschweigens. Am 10. Juli reiste Präsident Lech Kaczyński in einer Regierungsmaschine nach Katyn. An Bord: 98 Vertreter der neuen polnischen Intelligenzija: Politiker, Offiziere, Künstler, Professoren.

Nahe der russischen Stadt Smolensk zerschellte das Flugzeug bei schlechter Sicht ein einem Wald. Alle Insassen starben. Zwanzig Kilometer entfernt von Katyn. Die Historische Parallele befeuert bis heute krudeste Theorien über eine russische Beteiligung am Absturz. Doch vor Allem hat der Absturz die historische Wunde wieder aufgerissen. Und so bleibt die sowjetische Besatzung bis heute ein präsentes Thema, das im Angesicht des Konflikts 1000 Kilometer weiter östlich die antirussischen Ressentiments befeuert.

 

Stalins Untätigkeit in Warschau

Eine besondere Rolle spielt auch die Geschichte der polnischen Hauptstadt im zweiten Weltkrieg. Im Sommer 1944 war die Rote Armee dabei, die Deutschen aus ganz Osteuropa zurück zu treiben. Ende August standen sie kurz vor Warschau. Auf diesen Moment hatten die Polen jahrelang gewartet. Im Untergrund hatten sie seit 1940 die Heimatarmee aufgebaut und ausgebildet. Im richtigen Moment sollte sie das Land zurückerobern.

Doch Stalin hatte längst andere Pläne. Auf der Konferenz von Jalta hatte er den Alliierten ein Jahr zuvor abverlangt, sich ganz Polen nach dem Krieg einverleiben zu können. Diese hatten Zähne knirschend zugestimmt. Die Weltöffentlichkeit und auch die Polen wussten davon nichts.

Am 30. August begann die Heimatarmee in Warschau mit der Rückeroberung der Stadt. Doch wenige Tage später folgte Hitlers verheerende Rache. SS-Einheiten übernahmen die westlichen Teile Warschaus und ermordeten innerhalb weniger Tage zehntausende Zivilisten. Die Eingeschlossenen Heimatarmisten und die Zivilbevölkerung wurden ins Stadtzentrum zurückgedrängt.

Derweil stand die Rote Armee ab September bereits in Sichtweite auf der anderen Weichselseite. Doch sie griff nicht ein. Warum, ist bis heute äußerst umstritten. Stalin erteilte den Alliierten aber nachweislich keine Erlaubnis, die eingeschlossene Stadt per Luft zu versorgen. Dort ließ Hitler noch monatelang unbehelligt hunderttausende Bewohner ermorden oder deportieren. Danach sprengten Pioniereinheiten der Wehrmacht die  Stadt systematisch, Haus für Haus. Die Millionenstadt Warschau existierte für einige Monate nicht mehr. Stalins Zynismus, mit dem er dem Fegefeuer zusah, schürt noch heute stärkere Ressentiments gegenüber Russland als Deutschland.

 

Der lange Weg nach Europa

Stalins genaue Absichten und die Schlagkraft der Roten Armee jenseits der Weichsel sind bis heute Gegenstand heftiger Diskussionen, insbesondere in der polnischen Wissenschaft und Gesellschaft. In der öffentlichen Meinung überwiegt aber die Zahl derer, die der Sowjetunion die Schuld an der verheerenden Zerstörung ihrer Hauptstadt geben. Genau wie bei Katyn sind es hier weniger die Parallelen zur Ukraine, die die latenten antirussische Tendenzen bestärken. Vielmehr ist es die allgegenwärtige polnische Erinnerungskultur, die das Misstrauen gegenüber Russland nährt.

Nach dem Krieg  folgten für Polen viereinhalb Jahrzehnte als quasi-Teil der Sowjetunion. 1989 erklärte Polen sich offiziell für unabhängig, 1991 löste sich der Warschauer Pakt auf. Im gleichen Jahr wurde auch die Ukraine unabhängig. Deren Volkwirtschaft war in einem ähnlich verheerenden Zustand, wie die Polens. Doch Polen wählte in den Folgejahren einen radikalen Kurs der Westbindung: Unzerstörbare Treue zu den USA, eine radikale Privatisierung und Modernisierung der Wirtschaft, der Beitritt zur NATO und EU.

Zehn Jahre nach dem EU-Beitritt hatte Polen eine erstaunliche Transformation durch gemacht und ist zu einem modernen europäischen Staat geworden. Doch aus polnischen Perspektive scheinen sich im Feuerkessel des Donbass Motive der polnischen Geschichte zu wiederholen: Teilung, Besatzung, Zerstörung. Die allgegenwärtige Erinnerungskultur um den 2. Weltkrieg und die Gräuel beider Besatzungsmächte füllt vor allem das alte Feindbild Russland mit neuem Leben.

68 Prozent der Polen halten Russland für eine Bedrohung ihrer Sicherheit. Dennoch hält sich die Solidarität zur Ukraine in Grenzen. Nur 20 Prozent befürworten eine direkte Einmischung Polens im Konflikt. Denn trotz der Parallelen sehen sie auch ein neues Motiv. Anders als die Ukrainer sind sie jetzt ein unveräußerlicher Teil Europas und der NATO. Beide sollen jedoch diesmal bitte schön dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Je länger der Konflikt andauert, desto lauter erschallt auch diese Forderung.

Mein erstes Blog

Habe ich eigentlich was zu sagen?

Ich bin kein brennender Verehrer von Blogs. Ich folge einigen sporadisch: Blogs über persönliche Erfahrungen, das Stadtleben, lustige Netzfundstücke und Special Interest-Kram. Die sind großartig! Aber diese allgemeine Selbstrezeption, das Nerdtum, die „ich habe da was gesehen und muss jetzt drüber schreiben“-Mentalität von Blogs langweilt mich schnell. Warum das hier dann?

Aus zweierlei Gründen.

Erstens fragen mich selbst meine engsten Freunde manchmal: „Was genau machst du da eigentlich?“ So geht es sicherlich auch vielen Menschen mit anderen Berufen. Aber für uns Journalisten ist das ein fundamentales Problem. Das zeigt sich auf sehr erschreckende Weise an der grassierenden Lügenpresse-Mentalität und den obskuren Theorien von US-gesteuerten Mainstreammedien.

Das kann man als den Nonsens ist abtun, der er ist. Aber damit nährt man die zunehmenden Vorbehalte und die Ablehnung, die viele Menschen gegenüber Journalisten hegen. Und man verkennt, dass wir daran auch eine nicht unerhebliche Mitschuld tragen.

Wir Journalisten – und damit meine ich mich ganz exemplarisch – neigen dazu, berufsbedingt ein wenig über den Dingen zu schweben. Heute Pegida, morgen Syienkrieg und übermorgen der neuste und hippste Kiezclub. Wir wissen Bescheid, sind weltgewandt, immer am Puls der Zeit. Und wir wollen das natürlich mitteilen.

Aber dieses mitunter egozentrische Selbstbild deckt sich natürlich nicht mit der Realität. Im Tagesgeschäft resultieren unsere Themenideen doch meist aus Pressemitteilungen, dpa-Meldungen oder dem, was wir in anderen Zeitungen gelesen haben. Und wir machen Fehler: viele sogar. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Zeitnot, aufgrund unzuverlässiger Quellen oder weil wir nach zwei Monaten Sprachkurs in Damaskus eben doch keine Nahostexperten sind.

„Das versendet sich“, heißt ein weiterhin oft zitierter Lehrsatz in Radioredaktionen. Aber das ist ebenso falsch, wie viele Informationen, die wir im Tickerrausch in die Welt hinausballern. Durch das Internet bleibt alles, was wir produzieren bis zum jüngsten Tag einsehbar – und überprüfbar. Unsere Rezipienten wissen nach wenigen Klicks, ob das stimmt, was wir ihnen als Gottgegeben vorsetzen.

Deshalb sollten wir transparenter machen, was wir warum gemacht haben, woher wir unsere Informationen haben und an welcher Stelle wir schlicht und ergreifend mal verkackt haben. Viele Kollegen dokumentieren das bereits hervorragend. Und Ihnen will ich es hier gleich tuen. Ganz offen erzählen, wie Stories zustande gekommen sind, wie ich an Informationen gekommen bin und welche Probleme ich dabei habe. Zum Beispiel, dass ich Polen viel zu großartig finde, um immer objektiv darüber zu berichten.

Und damit wären wir bei Punkt zwei: Ich will natürlich auch teilen, wie mein Alltag als freischaffender Einzelkämpfer im Ausland aussieht, was in meiner Stadt passiert, welche spannenden Youtube-Videos und hippen Cafés ich entdeckt habe und welche taktische Meisterleistung ich beim letzten Spiel von Legia Warschau erkannt habe. Habe ich bereits erwähnt, dass Blogs immer so selbstreferenzierend sind?

Ob Sie das am Ende auch langweilig finden? Wahrscheinlich. Ob viele das hier lesen wollen? Eher nicht. Ob ich den Journalismus damit revolutioniere? Ganz bestimmt nicht! Das ich vollkommen subjektiv glaube, dass es trotzdem ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist? Absolut. Widerspruch nehme ich gerne entgegen.