: Immigrantenradio in Warschau

„Wir wollen kein Ghetto sein“

Bei "IMI Radio" Polens erstem Immigrantenradio senden 22 Freiwillige in neun Sprachen. Hier der 39-jährige Tunesier Samir Saadi, der die Sendung "Arabika" moderiert. © Alexander Hertel

Bei "IMI Radio" Polens erstem Immigrantenradio senden 22 Freiwillige in neun Sprachen. Hier der 39-jährige Tunesier Samir Saadi, der die Sendung "Arabika" moderiert. © Alexander Hertel

„Was kann ich dir anbieten?“ Tiefenentspannt lehnt Mamadou Diouf an einer selbst gezimmerten Theke und gießt einen starken türkischen Kaffee auf. Über 1,80 ist der Mann groß, breitschultrig. Eine Kastenbrille und dünne Dreadlocks umrahmen sein tiefschwarzes Gesicht. Diouf fällt auf in Warschau, seiner Wahlheimat.

Seit 32 Jahren lebt der gebürtige Senegalese in der polnischen Hauptstadt. In den Achtzigern war er ein echter Exot, ist er heute noch für manche Polen. Mamadou Diouf ist Musiker, Journalist, Bildungsreferent, Sozialarbeiter und seit neustem Radiogründer. „IMI Radio“ heißt sein neues Lieblingsprojekt und sendet seit Mai in ganz Warschau. „Wir sind Polens erstes Immigrantenradio“, sagt der 52-jährige sichtlich stolz. „Die Zeit war reif dafür.“

Programm von Migranten für Migranten

Gekommen sei ihm die Idee in Wien. Dort besuchte er auf einer Bildungsreise im vergangene Jahr „Radio Afrika International“, bei dem Migranten ein Programm für Migranten gestalten. „So etwas wollten wir dann hier auch starten“, erinnert sich Diouf. Monatelang verbrachte er daraufhin damit, Geld und Unterstützer für seine Idee zu sammeln. „Am Ende ging alles ganz schnell“, erzählt Diouf. Anfang 2015 war das Projekt finanziert, komplett durch die europäische Union.

Vielbeschäftigtes Multitalent und Veteran unter den Warschauer Migranten. Mamadou Diouf lebt seit 32 Jahren in der polnischen Hauptstadt und hat "IMI Radio" gegründet. © Alexander Hertel

Vielbeschäftigtes Multitalent und Veteran unter den Warschauer Migranten. Mamadou Diouf lebt seit 32 Jahren in der polnischen Hauptstadt und hat „IMI Radio“ gegründet. © Alexander Hertel

Und so fingen Diouf und seine Mitstreiter an, zu bauen:  Am Ende standen einen Tisch mit Mischpult, zwei Bildschirme, drei Mikrofone. Das alles auf knapp vier Quadratmetern schallgedämpfter Kammer. Die Mikros haben selbstgebastelte IMI-Radio-Aufstecker. Hinter dem Moderator prangt das Logo des Senders an der Wand. So ist es auf jedem Foto zusehen.

Durchschnittlich sechs Stunden täglich sendet IMI-Radio moderierte Sendungen in neun verschiedenen Sprachen: Portugiesisch, Russisch, Arabisch, aber auch Polnisch. „Wir wollen kein Ghetto sein“, sagt Diouf. Natürlich richte sich das Programm an Migranten und ihr speziellen Interessen, „aber auch der Durchschnittspole kann so mehr über seine Mitbürger erfahren.“

An dieser Kommunikation zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen fehle es, meint Diouf: „Ich weiß nicht, wie sehr die Stimmen der Migranten in Europa überhaupt gehört werden. In Polen sicherlich sehr schwach. Deshalb finde ich es wichtig, Menschen einzubinden, die die polnische Realität kennen und die in ihren Herkunftsländern. Menschen, die hier leben, funktionieren und polnisch sprechen. Ich glaube, so jemand erklärt das viel besser.“

Ausgehtippt auf Arabisch

22 dieser Welterklärer arbeiten bei IMI-Radio. Alle ehrenamtlich. Einer von Ihnen ist Samir Saadi. Der 39-järige trägt einen dunklen Pullunder über dem dezent gestreiften Hemd, die Haare akkurat gestutzt, ein warmes breites Dauerlächeln im runden Gesicht.

„Herzlich Willkommen zu unserem Programm ‚Arabika’ hier auf IMI Radio aus Warschau“, imitiert Saadi auf Arabisch seine typische Sendungsbegrüßung. Jeden Dienstag widmet sich der Tunesier in „Arabika“ zwei Stunden lang Themen, die ihn und seine arabisch sprechenden Hörer interessieren. „Es ist eine bunte Mischung: Nachrichten, Sport, was passiert in Warschau, wohin kann man gehen. Natürlich auch viel arabische Musik. Ich glaube, das ist etwas Tolles“, strahlt der Moderator.

Immer ein Lächeln im Gesicht und die Bedürfnisse seiner Mitbürger im Kopf. "Arabika"-Moderator Samir Saadi. © Alexander Hertel

Immer ein Lächeln im Gesicht und die Bedürfnisse seiner Mitbürger im Kopf. „Arabika“-Moderator Samir Saadi. © Alexander Hertel

Die Sendung ist für Saadi eine Herzensangelegenheit. Sie soll den Migranten eine Art Heimatgefühl geben in einer Gesellschaft, die mit Ausländern noch nicht viel anzufangen weiß. Polen hat den geringsten Ausländeranteil aller EU-Staaten: 0,27 Prozent. Gerade einmal 100.000 Ausländer leben unter den vierzig Millionen Polen. Die meisten stammen aus der EU und leben in den Großstädten wie Warschau. „Hier sind die Menschen offen, sie kommen mit Ausländern in Kontakt. Es gibt zum Beispiel viele Studenten. Aber in kleineren Orten ist das schwieriger. Da gibt’s Probleme. Ein Schwarzer ist das etwas Seltsames“, sagt Saadi.

Er spricht aus Erfahrung. Hauptberuflich arbeitet er für verschiedene Stiftungen und betreibt Bildungsarbeit. Im Kulturzentrum gehört er zum Team des „Infopunkts für Migranten“ des „Multikulturellen Zentrums“, zu dem IMI Radio gehört. Jeder kann mit seinen Fragen, Nöten und Sorgen zur Sprechstunde kommen. Saadi und die anderen Berater versuchen dann, den Neupolen in allen Lebenslagen zu helfen.

Bürokratie, Grammatik und Klischees

„Die Bürokratie ist natürlich eine riesige Herausforderung, vor allem wegen der schwierigen Sprache“, sagt Saadi und lächelt die grammatischen Ungenauigkeiten seines letzten Satzes weg. Mit seinem weichen franko-arabischen Akzent sortiert er die sieben verschiedenen Deklinationen manchmal erst während des Sprechens, jedoch meist treffsicher. „Am Anfang war das schon hart, aber ich lerne täglich. Und natürlich hilft meine Frau.“ Die ist Polin, seit fünf Jahren leben die beiden gemeinsam in Warschau.

Auch wenn die boomende Hauptstadt sich zusehendes internationalisiert, die Polen tun sich schwer mit Migranten. Jahrhundertelang wanderten die Polen selbst aus, auf der Flucht vor Armut und politischer Instabilität. Nun ist das Land ein aufstrebendes Mitglied der EU und plötzlich sogar Zielland für Einwanderer, meist aus den Nachbarländern: Litauer, Slowaken und vor allem Ukrainer. Aber auch IT-Spezialisten aus Nigeria und Gaststudenten aus Japan kommen nach Polen. Und nun sogar: Flüchtlinge.

Auch abseits des Radios engagiert: Mitarbeiter des Warschauer "Zentrums der vielen Kulturen" dessen Teil "IMI Radio" ist, planen neue Projekte. © Alexander Hertel

Auch abseits des Radios engagiert: Mitarbeiter des Warschauer „Multikulturellen Zentrums“, dessen Teil „IMI Radio“ ist, planen neue Projekte. © Alexander Hertel

Es ist das große Reizthema in Polen. Zwischen 7.000 und 12.000 will das Land aktuell aufnehmen. Vielleicht. Doch die neue nationalistische Regierung und ultrarechte Gruppierungen laufen Sturm gegen die Pläne einer verbindlichen EU-Flüchtlingsquote. Sie prophezeien lautstark die Islamisierung Polens. Was in Deutschland schon mindestens fragwürdig klingt, fällt in einem Land mit 30.000 Muslimen unter die Kategorie Aluhut.

„Aber das ist ein Problem hier, die Menschen haben überhaupt keine Ahnung“, sagt Saadi zwischen Verständnis und Ablehnung changierend. „Und die Medien informieren meiner Meinung nach sehr schlecht über diese Thematik. Die meisten haben nicht einmal Korrespondenten im Nahen Osten.“

Überhitzte Flüchtlingsdebatte

Erst im Spätsommer, auf dem Höhepunkt der Debatte, veröffentlichte die linksliberale Tageszeitung „Wyborcza“ eine Serie mit Basisinformationen zu Migration und Flüchtlingen in Europa: Statistiken, gesetzliche Grundlagen, Einschätzungen. Für viele Polen war es das erste Aufeinandertreffen mit Fakten in der überhitzten Debatte.

Wie die neue Regierung sich verhalten wird, wenn es um die Verteilung der Flüchtlinge geht, weiß derzeit keiner so genau. Aber Saadi ist sich wie viele Beobachter sicher, eine fundamentale Ablehnung von Flüchtlingen wird Polen nicht durchsetzen können: „Polen hat gar keine Wahl. Ob Sie wollen oder nicht, die Menschen werden kommen. Ungarn versucht sich gerade abzuschotten, aber die Menschen sind da. Das ist Fakt! Wir sollten lieber darauf vorbereitet sein.“

Wie, das wollen Samir Saadi, Mamadou Diouf und ihre Mitstreiter nicht alleine dem Staat überlassen. Zusammen mit anderen NGO’s basteln sie bereits Pläne für Integrationsprojekte für Flüchtlinge: Beratung, Sprachkurse, Integrationsarbeit. Das Radio soll dazu seinen Beitrag leisten.

Daher wollen sie das Programm auch erweitern, erklärt Mamadou Diouf: „Ab kommendem Jahr wollen wir noch mehr Sendungen produzieren. Ein paar neue Sprachen sollen dann auch dazu kommen, damit sich alle Migranten in Polen in unserem Programm wiederfinden“. Ein deutsches steht ganz oben auf der Liste.

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