Ein-Mann-Magazin aus Polen

Was soll das denn bitte?

Selbstreferenzierung gehört zum Blog, wie der Cider zur Freiberuflichkeit. Foto: Alexander Hertel

Selbstreferenzierung gehört zum Blog, wie der Cider zur Freiberuflichkeit. Foto: Alexander Hertel

Warum Warschau?

Ungefähr seitdem ich zwölf bin, will ich Journalist werden, dabei möglichst viele Länder bereisen und in einigen eine Weile leben. Nun gingen aber schnell einige Jahre ins Land, die ich in Leipzig mit Studieren, Radio Machen und Radio Studieren verbracht habe. Deshalb wurde es nun wirklich Zeit, ins Vollzeit-Geschäft einzusteigen. Dass ich beim ersten Versuch kein Volontariat ergattern konnte, hat mir die Entscheidung sicherlich erleichtert.

Warschau wiederum ist so etwas wie mein Sehnsuchtsort. Nicht, weil meine Mutter und mein Vater sich hier kennen gelernt haben. Das wäre ZDF-Heimat-Kitsch. Wobei das ZDF durchaus eine Mitschuld trägt. Während der Fussball-Europameisterschaft 2012 habe ich einige Wochen in dessen Warschauer Studio hospitiert. Dabei habe ich mich Hals über Kopf in die trubelige, dynamische Aufbruchsstimmung verliebt, die in der Stadt gerade herrscht.

Und aus journalistischer Sicht glaube ich, dass man Polen noch viel mehr in den Fokus rücken sollte. Deutschland und Polen verbindet eine tausendjährige gemeinsame, wechselhafte und schwierige Geschichte. Heute gehört Polen wiederum zu den aufstrebendsten Staaten innerhalb der Europäischen Union. Seinen regionalen Einfluss in Mittelosteuropa sollte man nicht über-, aber auch nicht unterschätzen.

Warum auf eigene Faust?

Nach meinem Studium gab es prinzipiell zwei Wege, um ins Vollzeit-Journalisten-Geschäft zu kommen. Variante 1: eineinhalb Jahre Volontariat bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Man arbeitet viel, verdient relativ wenig und hofft am Ende auf irgendeine Art von Anstellung.

Variante 2: als freier Journalist. Man arbeitet viel, verdient relativ wenig und hofft auf irgendeine Art von Abnehmer für die eigenen Beiträge. Gleiche Misere, aber ein fundamentaler Vorteil: man entscheidet komplett autark, was man macht. Und deshalb finde ich diese Variante wesentlich reizvoller. Und ja, da war noch die Sache mit der verkorksten Volo-Bewerbung.

Ob es am Ende wirklich zum Leben reicht, ist erst einmal zweitrangig. Allein die Erfahrungen sind es mir den Versuch wert. Warschau bleibt wahrscheinlich trotzdem eine Zwischenetappe. Ein Selbstversuch, um zu schauen, wie weit man alleine kommen kann. Wo ich dann in zwei, drei Jahren bin, weiß ich auch nicht. Vielleicht in Moskau? Oder in San Francisco? Oder doch im Volo? Im Moment ist das vollkommen egal.

Was soll das mit dem Magazin?

Dass ich nicht mit fest angestellten Korrespondenten konkurrieren kann, war mir von Anfang an klar. Selbiges gilt für freischaffende Kollegen, die viele Jahre Vorlauf haben. Deshalb will ich mir meine eigene Nische suchen. Ich bin leidenschaftlicher Reporter. Ich will vor Ort sein, mit Menschen reden, mir einen eigenen Eindruck machen. Daraus sollen Geschichten entstehen, die auch abseits der aktuellen Nachrichtenlage funktionieren. Aber auch große Zusammenhänge möchte ich verständlich aufbereiten und darstellen.

Ob eine deutsche Redaktion diese Beiträge dann auch haben will, ist eine andere Frage. Damit die Themen, die mich interessieren, trotzdem nicht in irgendeiner Schublade verschwinden, will ich sie selbst publizieren. In diesem Internet. Das Magazin entspricht also meinem Wunsch, selber festzulegen, was ich für relevant halte.

Das Ganze soll aber kein beliebiges Blog sein, sondern die journalistischen Ansprüche erfüllen, die ich selber an ein Medium stelle: ordentlich recherchiert, verständlich aufbereitet, spannend geschrieben und abwechslungsreich zusammengestellt. Und es soll natürlich auch eine journalistische Fingerübung sein. Was kann man alleine leisten? Was funktioniert in welchem Format? Und was interessiert die User? Fragen, die sich wohl erst im laufenden Betrieb beantworten.

Und wer bezahlt das?

Diese Frage ist am einfachsten zu beantworten: niemand. Das Magazin hat weder Geldgeber, Medienpartner noch Werbung. Design und Programmierung habe ich aus eigener Tasche bezahlt. Denn auch wenn es ein persönliches Projekt ist, soll es ordentlich aussehen. Dass es keine Einnahmen generiert, heißt aber keinesfalls, dass das immer so bleiben muss.

Doch natürlich braucht man Geld zum Leben. Mein eigenes Einkommen beziehe ich zu circa einem Drittel aus einem noch laufenden Studienkredit der KfW. Dazu kommt etwa ein Drittel durch das Moderieren beim Onlineradio detektor.fm in Leipzig und andere Sprecherjobs. Der Rest muss durch Beiträge in deutschen Medien reinkommen.

In wenigen Monaten läuft der Studienkredit aus, dann muss ich mein Einkommen komplett selber stemmen. Planmäßig verkaufe ich dann regelmäßig Radiobeiträge, Zeitungs- und Onlineartikel. Scheitern und daraus lernen ist ein einkalkuliertes Risiko, es nicht versuchen aber keine Option.

von

Alexander Hertel

Hegt als halbdeutscher, halbpolnischer Herzenseuropäer eine natürliche Abneigung gegen Grenzen und Nationalismus, liebt dafür "Radio Machen" und unvoreingenommenes Geschichten Erzählen. Hat in Leipzig Politikwissenschaft, Slawistik und Hörfunk studiert. Lebt und arbeitet als freier Journalist in Warschau. Folge ihm auf TwitterFacebook und Google+.

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