Mein erstes Blog

Habe ich eigentlich was zu sagen?

Ich bin kein brennender Verehrer von Blogs. Ich folge einigen sporadisch: Blogs über persönliche Erfahrungen, das Stadtleben, lustige Netzfundstücke und Special Interest-Kram. Die sind großartig! Aber diese allgemeine Selbstrezeption, das Nerdtum, die „ich habe da was gesehen und muss jetzt drüber schreiben“-Mentalität von Blogs langweilt mich schnell. Warum das hier dann?

Aus zweierlei Gründen.

Erstens fragen mich selbst meine engsten Freunde manchmal: „Was genau machst du da eigentlich?“ So geht es sicherlich auch vielen Menschen mit anderen Berufen. Aber für uns Journalisten ist das ein fundamentales Problem. Das zeigt sich auf sehr erschreckende Weise an der grassierenden Lügenpresse-Mentalität und den obskuren Theorien von US-gesteuerten Mainstreammedien.

Das kann man als den Nonsens ist abtun, der er ist. Aber damit nährt man die zunehmenden Vorbehalte und die Ablehnung, die viele Menschen gegenüber Journalisten hegen. Und man verkennt, dass wir daran auch eine nicht unerhebliche Mitschuld tragen.

Wir Journalisten – und damit meine ich mich ganz exemplarisch – neigen dazu, berufsbedingt ein wenig über den Dingen zu schweben. Heute Pegida, morgen Syienkrieg und übermorgen der neuste und hippste Kiezclub. Wir wissen Bescheid, sind weltgewandt, immer am Puls der Zeit. Und wir wollen das natürlich mitteilen.

Aber dieses mitunter egozentrische Selbstbild deckt sich natürlich nicht mit der Realität. Im Tagesgeschäft resultieren unsere Themenideen doch meist aus Pressemitteilungen, dpa-Meldungen oder dem, was wir in anderen Zeitungen gelesen haben. Und wir machen Fehler: viele sogar. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Zeitnot, aufgrund unzuverlässiger Quellen oder weil wir nach zwei Monaten Sprachkurs in Damaskus eben doch keine Nahostexperten sind.

„Das versendet sich“, heißt ein weiterhin oft zitierter Lehrsatz in Radioredaktionen. Aber das ist ebenso falsch, wie viele Informationen, die wir im Tickerrausch in die Welt hinausballern. Durch das Internet bleibt alles, was wir produzieren bis zum jüngsten Tag einsehbar – und überprüfbar. Unsere Rezipienten wissen nach wenigen Klicks, ob das stimmt, was wir ihnen als Gottgegeben vorsetzen.

Deshalb sollten wir transparenter machen, was wir warum gemacht haben, woher wir unsere Informationen haben und an welcher Stelle wir schlicht und ergreifend mal verkackt haben. Viele Kollegen dokumentieren das bereits hervorragend. Und Ihnen will ich es hier gleich tuen. Ganz offen erzählen, wie Stories zustande gekommen sind, wie ich an Informationen gekommen bin und welche Probleme ich dabei habe. Zum Beispiel, dass ich Polen viel zu großartig finde, um immer objektiv darüber zu berichten.

Und damit wären wir bei Punkt zwei: Ich will natürlich auch teilen, wie mein Alltag als freischaffender Einzelkämpfer im Ausland aussieht, was in meiner Stadt passiert, welche spannenden Youtube-Videos und hippen Cafés ich entdeckt habe und welche taktische Meisterleistung ich beim letzten Spiel von Legia Warschau erkannt habe. Habe ich bereits erwähnt, dass Blogs immer so selbstreferenzierend sind?

Ob Sie das am Ende auch langweilig finden? Wahrscheinlich. Ob viele das hier lesen wollen? Eher nicht. Ob ich den Journalismus damit revolutioniere? Ganz bestimmt nicht! Das ich vollkommen subjektiv glaube, dass es trotzdem ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist? Absolut. Widerspruch nehme ich gerne entgegen.

von

Alexander Hertel

Hegt als halbdeutscher, halbpolnischer Herzenseuropäer eine natürliche Abneigung gegen Grenzen und Nationalismus, liebt dafür "Radio Machen" und unvoreingenommenes Geschichten Erzählen. Hat in Leipzig Politikwissenschaft, Slawistik und Hörfunk studiert. Lebt und arbeitet als freier Journalist in Warschau. Folge ihm auf TwitterFacebook und Google+.

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