: Polen und der Ukraine-Konflikt

Alte Muster, alte Feinde

Polen und Ukrainer vereint eine lange, schwierige Geschichte, aber auch ein gemeinsamer Feind: Russland. Hier eine Solidaritätsdemonstration in Warschau am 23. Februar 2014. © Jacek Kadaj

Polen und Ukrainer vereint eine lange, schwierige Geschichte, aber auch ein gemeinsamer Feind: Russland. Hier eine Solidaritätsdemonstration in Warschau am 23. Februar 2014. © Jacek Kadaj

Polnische Erde, russische Erde

Seine größte Blüte erlebt Polen als Teil der polnisch-litauischen Personalunion. Die Adelsrepublik war zwischen dem 15. Und 18. Jahrhundert eine prosperierende Großmacht Europas. Ihre Ostgrenze erstreckte sich von Vilnius im Norden über das heutige Weißrussland und große Teile der Westukraine bis ans Schwarze Meer im Süden. Doch im 18. Jahrhundert bröckelte das Fundament der Republik.

Der sächsische König August der Starke, seit 1700 auch Großherzog von Polen, verwickelte die Adelsrepublik in den großen Nordischen Krieg mit Schweden. In dessen Folge wurden große Teil des Reiches verwüstet. Gleichzeitig spitze sich der konfessionelle Konflikt zwischen katholischer Mehrheit und protestantischer Minderheit zu. Die angrenzenden Großreiche Preußen, Russland und Österreich gerierten sich als Schutzmacht der religiösen Minderheiten. 1772 besetzten sie deshalb Teile Polens.

Trotz der Krise und des Landraubs versuchte sich Polen von innen heraus zu reformieren. 1791 verabschiedete das Parlament unter dem Eindruck der französischen Revolution die erste geschriebene Verfassung Europas. Doch die historische Errungenschaft bedeutete gleichzeitig den Untergang Polen-Litauens. Unter dem Motto des Kampfes gegen „die Krankheit des Jakobinismus“ – also der Demokratie –  besetzten die drei Teilungsmächte im folgenden Jahr weitere Gebiete Polens. 1795 erfolgte die dritte und letzte Teilung. Mit einem Handstreich verschwand Polen von der politischen Landkarte Europas. Und sollte es für 120 Jahre bleiben.

Die russische Zarin Katharina die Große sprach damals davon, „russische Erde heimzuholen“. ganz im Sinne der „Sammler russischer Erde“ legitimierte auch Wladimir Putin die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Für Polen klingt dies wie historischer Spott. Und wie ein Signal, dass Putin noch mehr russischer Erde heimholen will.

Die drei Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts. Quelle: Partitions of Poland german“ von Mullerkingdom aus der deutschsprachigen Wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Die drei Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts. Quelle: Partitions of Poland german“ von Mullerkingdom aus der deutschsprachigen Wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Die erneute Teilung

Erst durch die Wirren des ersten Weltkriegs konnte sich Polen nach 120 Jahren seine Unabhängigkeit zurück erkämpfen. Doch sie hielt nicht einmal zwei Jahrzehnte.

Denn nach Hitlers Armee rückten am 17. September 1939 auch Rotarmisten in Polen ein. Sie besetzten zügig die Gebiete bis etwa zur heutigen Ostgrenze Polens. Dies hatten die Diktatoren wenige Wochen zuvor in einem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts vereinbart.

Öffentlich begründete Stalins seine Intervention mit dem Schutz der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung Polens. Wieder Minderheitenschutz. Und wieder war das Land  geteilt und hatte seine Souveränität verloren. Bis heute ignoriert Russland diesen Teil der Geschichte weitgehend. Der Narrativ des Zweiten Weltkrieg beginnt zwischen Sankt Petersburg und Wladiwostok mit dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Sommer 1940.

Putin selbst verteidigte den damaligen Pakt. In der Ostukraine wollen Rebellen unter Putins schützender Hand ein „Neurussland“ errichten. Dort, wie auch auf der annektierten Krim sorgt sich der russische Präsident öffentlich um den Schutz der russischsprachigen Minderheit. Auch dieses historisch aufgeladene und oft angewendete Motiv russischer und sowjetischer Außenpolitik entgeht dem polnischen Beobachtern keinesfalls.

Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages am 28. September 1939. Damit war die erneute Teilung Polens vollzogen. Quelle: „MolotovRibbentropStalin“ von National Archives & Records Administration, nara.gov. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages am 28. September 1939. Damit war die erneute Teilung Polens vollzogen. Quelle: „MolotovRibbentropStalin“ von National Archives & Records Administration, nara.gov. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Katyn, Smolensk, tote Eliten

Bis zum Sommer 1940 richteten die Rote Armee und Angehörige des sowjetischen Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) – ebenso wie die Deutschen Besatzer – große Massaker unter der Zivilbevölkerung an. Dabei traf es vor Allem die „Intelligenzija“, die intellektuellen Führungselite des Landes: Politiker, Offiziere, Künstler, Hochschuldozenten. So wollten die Besatzer ihre Macht im Land langfristig sichern. Polen sollte nach Stalins Willen eine ungebildete Kornkammer der Sowjetunion werden. Das kollektiv präsenteste Massaker richtete der NKWD im Sommer 1940 im heute weißrussischen Katyn an.

Es sollte 70 Jahre später eine besonders tragische Note erhalten. 2010 lud Wladimir Putin erstmals eine polnische Delegation ein, um in Katyn gemeinsam der Opfer des Massakers zu Gedenken. Eigentlich eine versöhnliche Geste nach Jahrzehnten des Totschweigens. Am 10. Juli reiste Präsident Lech Kaczyński in einer Regierungsmaschine nach Katyn. An Bord: 98 Vertreter der neuen polnischen Intelligenzija: Politiker, Offiziere, Künstler, Professoren.

Nahe der russischen Stadt Smolensk zerschellte das Flugzeug bei schlechter Sicht ein einem Wald. Alle Insassen starben. Zwanzig Kilometer entfernt von Katyn. Die Historische Parallele befeuert bis heute krudeste Theorien über eine russische Beteiligung am Absturz. Doch vor Allem hat der Absturz die historische Wunde wieder aufgerissen. Und so bleibt die sowjetische Besatzung bis heute ein präsentes Thema, das im Angesicht des Konflikts 1000 Kilometer weiter östlich die antirussischen Ressentiments befeuert.

 

Stalins Untätigkeit in Warschau

Eine besondere Rolle spielt auch die Geschichte der polnischen Hauptstadt im zweiten Weltkrieg. Im Sommer 1944 war die Rote Armee dabei, die Deutschen aus ganz Osteuropa zurück zu treiben. Ende August standen sie kurz vor Warschau. Auf diesen Moment hatten die Polen jahrelang gewartet. Im Untergrund hatten sie seit 1940 die Heimatarmee aufgebaut und ausgebildet. Im richtigen Moment sollte sie das Land zurückerobern.

Doch Stalin hatte längst andere Pläne. Auf der Konferenz von Jalta hatte er den Alliierten ein Jahr zuvor abverlangt, sich ganz Polen nach dem Krieg einverleiben zu können. Diese hatten Zähne knirschend zugestimmt. Die Weltöffentlichkeit und auch die Polen wussten davon nichts.

Am 30. August begann die Heimatarmee in Warschau mit der Rückeroberung der Stadt. Doch wenige Tage später folgte Hitlers verheerende Rache. SS-Einheiten übernahmen die westlichen Teile Warschaus und ermordeten innerhalb weniger Tage zehntausende Zivilisten. Die Eingeschlossenen Heimatarmisten und die Zivilbevölkerung wurden ins Stadtzentrum zurückgedrängt.

Derweil stand die Rote Armee ab September bereits in Sichtweite auf der anderen Weichselseite. Doch sie griff nicht ein. Warum, ist bis heute äußerst umstritten. Stalin erteilte den Alliierten aber nachweislich keine Erlaubnis, die eingeschlossene Stadt per Luft zu versorgen. Dort ließ Hitler noch monatelang unbehelligt hunderttausende Bewohner ermorden oder deportieren. Danach sprengten Pioniereinheiten der Wehrmacht die  Stadt systematisch, Haus für Haus. Die Millionenstadt Warschau existierte für einige Monate nicht mehr. Stalins Zynismus, mit dem er dem Fegefeuer zusah, schürt noch heute stärkere Ressentiments gegenüber Russland als Deutschland.

 

Der lange Weg nach Europa

Stalins genaue Absichten und die Schlagkraft der Roten Armee jenseits der Weichsel sind bis heute Gegenstand heftiger Diskussionen, insbesondere in der polnischen Wissenschaft und Gesellschaft. In der öffentlichen Meinung überwiegt aber die Zahl derer, die der Sowjetunion die Schuld an der verheerenden Zerstörung ihrer Hauptstadt geben. Genau wie bei Katyn sind es hier weniger die Parallelen zur Ukraine, die die latenten antirussische Tendenzen bestärken. Vielmehr ist es die allgegenwärtige polnische Erinnerungskultur, die das Misstrauen gegenüber Russland nährt.

Nach dem Krieg  folgten für Polen viereinhalb Jahrzehnte als quasi-Teil der Sowjetunion. 1989 erklärte Polen sich offiziell für unabhängig, 1991 löste sich der Warschauer Pakt auf. Im gleichen Jahr wurde auch die Ukraine unabhängig. Deren Volkwirtschaft war in einem ähnlich verheerenden Zustand, wie die Polens. Doch Polen wählte in den Folgejahren einen radikalen Kurs der Westbindung: Unzerstörbare Treue zu den USA, eine radikale Privatisierung und Modernisierung der Wirtschaft, der Beitritt zur NATO und EU.

Zehn Jahre nach dem EU-Beitritt hatte Polen eine erstaunliche Transformation durch gemacht und ist zu einem modernen europäischen Staat geworden. Doch aus polnischen Perspektive scheinen sich im Feuerkessel des Donbass Motive der polnischen Geschichte zu wiederholen: Teilung, Besatzung, Zerstörung. Die allgegenwärtige Erinnerungskultur um den 2. Weltkrieg und die Gräuel beider Besatzungsmächte füllt vor allem das alte Feindbild Russland mit neuem Leben.

68 Prozent der Polen halten Russland für eine Bedrohung ihrer Sicherheit. Dennoch hält sich die Solidarität zur Ukraine in Grenzen. Nur 20 Prozent befürworten eine direkte Einmischung Polens im Konflikt. Denn trotz der Parallelen sehen sie auch ein neues Motiv. Anders als die Ukrainer sind sie jetzt ein unveräußerlicher Teil Europas und der NATO. Beide sollen jedoch diesmal bitte schön dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Je länger der Konflikt andauert, desto lauter erschallt auch diese Forderung.

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