: Orte: Deutsche Schule Warschau

Die Kulturbereicherer

Englischstunde an der Willy-Brandt-Schule in Warschau- Foto: Alexander Hertel

Englischstunde an der Willy-Brandt-Schule in Warschau- Foto: Alexander Hertel

Auf ein Nicken hin  lässt das Mädchen im Ramones-Shirt den Arm sinken und setzt zu ihrer Interpretation an: „Man könnte auch meinen, dass sich das auf die Untergrundorganisation Consul der Reichswehr bezieht. Die sind ja sehr in Verruf geraten durch die Morde an Politikern wie Matthias Erzberger und Walther Rathenau.“  – „Richtig, aber nicht in dieser Karikatur“, merkt Norbert Stüwe Kopf schüttelnd an und stellt die nächste Frage zum Parteienspektrum der Weimarer Republik. Das aufgeschlagene Geschichtsbuch in der Hand, den Blick auf seine 11. Klasse gerichtet. Zwölf Jungen und Mädchen, alle um die 17.

Consul, Erzberger, Rathenau. In dieser Gewichtsklasse geht es die nächsten vierzig Minuten weiter. Dann Englisch, ein Rollenspiel: im Bewerbungsgespräch. Ein normaler Morgen an der Willy-Brandt-Schule (WBS) in Warschau. Schulleiter Jürgen Frobieter nimmt die verblüffte Schilderung der letzten zwei Stunden lächelnd entgegen. „Der Hintergrund unserer Schüler liegt in jeglicher Hinsicht über dem deutschen Durchschnitt. Intellektuell und auch sozial“, sagt er, während er über den Schulflur schlendert.

Die zitronengelb gestrichenen Betonwände leuchten makellos im Tageslicht, das durch die raumhohen Glasfenster fällt. Der orangerote Linoleum-Boden ist noch schlierenfrei. Erst seit wenigen Wochen residiert die WBS in dem Neubau im schicken Warschauer Vorort Wilanów. Knapp 19 Millionen Euro ließ sich der Bund das Gebäudeensemble kosten. Zur Einweihung kamen die Außenminister Deutschlands und Polens und der polnischstämmige Fussballnationalspieler Lukas Podolski. 140 dieser Auslandschulen unterhält die Bundesrepublik rund um den Globus.

Aus Überzeugung vielfältig. Die Flaggen Polens, Deutschlands und der EU vor der WBS. Foto: Alexander Hertel
Weitläufig und geschmackvoll. Der millionenschwere Neubau der Willy-Brandt-Schule (WBS) in Warschau. Foto: Alexander Hertel
Neu, bunt und leer. Noch besuchen gerade einmal 200 Schüler die WBS. In einigen Jahren könnten es mehr als doppelt so viele seine. Foto: Alexander Hertel
Schulleiter Jörg Frobieter im Zwiegespräch mit einer Schülerin. Foto: Alexander Hertel
Namenspatron mit Coolnessfaktor. Ein Willy Brandt-Poster im Lehrerzimmer der WBS. Foto: Alexander Hertel
Auf den Fluren wird dem großen SPD-Kanzler aber ganz seriös gedacht. Foto: Alexander Hertel
Und auch seiner wichtigsten Geste: dem "Kniefall von Warschau". Foto: Alexander Hertel
Von den Schülern selbst gestaltete Kunstwerke zu polnischen und deutschen Berühmtheiten. Foto: Alexander Hertel
Kaum ist die letzte Stunde vorbei, beginnt der Run auf die Kantine. Foto: Alexander Hertel
Dabei bietet auch die ein reichlich Platz. Foto: Alexander Hertel
Und auf einen Kantinen-Klassiker können sich alle einigen.  Foto: Alexander Hertel
Auch die Nachbarschaft ist brandneu. Der schicke Vorort Wilanów wurde in wenigen Jahren aus dem Erdboden gestampft. Genau wie der "Tempel der göttlichen Vorhersehen", Polens jüngstes Nationalheiligtum. Foto: Alexander Hertel
Kicken gehört zum Alltag, wie überall sonst auf der Welt. Foto: Alexander Hertel
Und nicht nur gelernt wird hier erstklassig. Der Rasenplatz hinter der Schule bietet Champions-League-taugliche Bedingungen und einer beeindruckenden Ausblick. Und die Bundesliga kommt auch mal zu Besuch: Borussia Dortmund veranstaltet regelmäßig Sichtungstage. Foto: Alexander Hertel

bunte Mischung jenseits der Schublade

„Wir haben letztendlich alles hier“, erläutert Frobieter in seinem funktionalen Büro im ersten Stock angekommen. „Sehr viele Kinder aus deutsch-polnischen Mischbeziehungen“, sagt er lachend. Mischbeziehung. In seiner Lebenswirklichkeit wirkt so ein Begriff zutiefst absurd. Der urdeutsche Zwang, Menschen nach ihrer Herkunft zu sortieren, greift an der WBS ins Leere.

»Mein „Hintergrund“? Deutsch-polnisch-russisch-jüdisch wäre das dann wohl.« – Sara, 15

Neben den „Mischlingen“ gibt es vorwiegend Kinder polnischer Familien aus Warschau und von Deutschen, die beruflich in Warschau sind. Gegründet wurde die WBS 1978 als Botschaftsschule für die Kinder deutscher Diplomaten. Die kommen immer noch, dazu die Sprösslinge von Managern, Ingenieuren und Journalisten, die in Warschau arbeiten.

Menschen wie Frobieter selbst, der mit einer Polin verheiratet ist. Seine beiden Kinder besuchen ebenfalls die WBS. Der selbsterklärte „Best Ager“, lichtes graues Haar, offenes Hemd unter dem Sakko, wirkt rundum zufrieden mit seinem Berufs- und Lebensmodell.

 

Deutscher Lehrplan, internationales Flair

„Der ganze Lehrplan ist ein deutscher. Bis hin zum Abitur.“, führt Frobieter aus. Die Schulsprache ist deutsch, sowohl im Unterricht, als auch in den Nachmittagsangeboten. Jedoch müssten alle Schüler, auch die deutschen, verpflichtend Polnisch lernen.

Frobieter zufolge sollten die Kinder damit die Chance haben, „sich im Alltag zumindest ein bisschen mit polnischen Kindern unterhalten zu können.“ „Einigermaßen“ betont er dabei und guckt etwas resignierend zur Decke. In der Realität ist die Fluktuation gerade unter den Zugereisten einfach zu hoch. Viele müssen durch den Job der Eltern alle drei, vier Jahre das Land wechseln, manchmal den Kontinent. „Warschau ist dann eben eine Station.“

 

Das gesamte Interview mit Schulleiter Jörg Frobieter zum Anschauen.

 

Mit zwei Abschlüssen ins Studienleben

Wer bleibt, kann neben dem deutschen Abitur auch die polnische Matura ablegen. „Wir wissen von unseren Absolventinnen und Absolventen, dass ihnen das alles sehr zu gute kommt“, sagt Frobieter. Die Schüler können dann ohne Probleme in Polen oder Deutschland studieren, auch wechseln. Sehr beliebt sei die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, die zweisprachige Studiengänge anbietet. Ansonsten verteilen sich die Studenten recht ausgeglichen auf deutsche und polnische Hochschulen.

Privilegiert oder außergewöhnlich würden sich die Schüler damit nicht fühlen. „Für die ist das so normal“, grinst Frobieter. Auch die schwierige deutsch-polnische Geschichte habe kaum einen Einfluss auf ihr Leben.

Im Unterricht sei diese aber natürlich integraler Bestandteil, sagt Frobieter: „Wenn ich in meinem Deutschunterricht über deutsche Literatur arbeite, dann kommt irgendwo ein Einschlag aus polnischer Literatur mit dazu.“ Etwa „die schöne Frau Seidenmann“ von Andrzej Szczypiorski. Der preisgekrönte Episodenroman schildert das Leben im besetzten Warschau während des Zweiten Weltkriegs.


Wie lebt es sich als Schüler an einer internationalen Schule? Welche Probleme hat man? Und Welche Identität? Im Interview erzählt Abiturientin Agata Gontarzcyk von ihren Erfahrungen.

 

Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung

Und auch der Namenspatron der Schule sei natürlich ein Beitrag zu deutsch-polnischer Freundschaft. Zum 100. Geburtstag des Vaters der Ostverträge organisierte die WBS eine Projektwoche. Die erste Klasse habe dabei die Berliner Mauer nachgebaut. Darauf die Worte Willy Brandts: „Der Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts.“

„Für die Schüler in ihrem Alltag bedeutet das, mein Kumpel heißt eben Paweł und nicht Paul“, fasst Frobieter noch einmal zusammen. Die Pauls und Pawełs haben gerade Hofpause und spielen Fussball. Im Tor steht Bastian Schweinsteiger, strohblond, etwa 10 Jahre alte. Die Hände profihaft in die Hüfte gestemmt feuert er seine Teamkameraden an, die gerade im Angriff sind. Dann reißt er beide Arme hoch und brüllt aus ganzer Kehle: „Jeden do zera!“ – Eins zu null.

An der WBS werden Herkunft, Religion und Sprachen wild durcheinander gemischt. Da wird selbst ein Urbayrischer Weltmeister und "Fussballgott" rücksichtslos polonisiert. Foto: Alexander Hertel

An der WBS werden nationale Wurzeln, Religionen und Sprachen wild durcheinander gemischt. Da wird selbst ein Urbayrischer Weltmeister und „Fussballgott“ erbarmungslos polonisiert. Foto: Alexander Hertel

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